Dreh über die ungewöhnliche Story der Mumin-Schöpferin Tove Jansson in Helsinki

Wir unterhalten uns mit der Regisseurin Zaida Bergroth über einen Film, der den Zuschauern eine neue Seite der heißgeliebten finnischen Schriftstellerin und Künstlerin, Tove Jansson, zeigt, die einst die weltberühmten Mumingeschichten schuf.

Der Film „Tove“ (Finnland-Premiere am 2. Oktober 2020) spielt im Helsinki der Nachkriegszeit in einer prägenden Lebensphase Janssons.

Tove Jansson (1914–2001, dargestellt von Alma Pöysti) schuf sich als Schöpferin der Mumins, deren Figuren Kinder und Erwachsene gleichermaßen ansprechen, einen internationalen Namen. Die schwedischsprachige Finnin schrieb und illustrierte nicht nur die Muminbücher, sondern wurde auch für ihre Malerei, Comics, Romane und Kurzgeschichten anerkannt. (Schwedisch ist eine der Amtssprachen Finnlands, und der Film „Tove“ wurde denn auch auf Schwedisch gedreht.)

Janssons beide Eltern waren Künstler; ihre Mutter arbeitete als Illustratorin und ihr Vater als Bildhauer. In Helsinki geboren studierte sie an führenden Kunstakademien wie Stockholm, Helsinki und Paris.

Schon als Teenager veröffentlichte sie als Erstes ein Bilderbuch und arbeitete später als Illustratorin und politische Karikaturistin für Zeitschriften. Jansson machte auch Karriere als Malerin. Das erste Muminbuch „Mumins lange Reise“ erschien 1945 zu Beginn des Zeitraums, von dem der Film „Tove“ handelt.

Freiheit und Unabhängigkeit

Eine Frau malt auf dem Boden eines großen Raumes vor dem Hintergrund von Bücherregalen auf einer Leinwand.

Tove Jansson (Alma Pöysti) arbeitet an einem Gemälde. Diese Szene wurde in Janssons echten Studio im Zentrum von Helsinki gedreht, das größtenteils immer noch so aussieht, wie sie es verlassen hat. Foto: Tommi Hynynen/Nordisk Film

In den 1940er Jahren war Jansson kurz mit dem Politiker und Philosophen Atos Wirtanen (gespielt von Shanti Roney) verlobt, der sie zur Muminfigur Snufkin ( auch Schnüffel genannt) inspiriert haben soll. Sie hatte überdies eine Affäre mit Vivica Bandler (gespielt von Krista Kosonen), einer verheirateten Theaterregisseurin. Jansson verewigte sich und Bandler in den Mumingeschichten als die winzigen, identischen Kreaturen Tofslan und Vifslan. Später lernte Jansson die Grafikerin Tuulikki Pietilä kennen, die ihre Lebenspartnerin werden sollte und die Grundlage für die Figur Tooticky bzw. Tudicky bildete.

Die Drehbuchautoren Eeva Putro und Jarno Elonen beschlossen, „Tove“, den ersten Spielfilm über Jansson, im Jahrzehnt nach dem Krieg anzusiedeln. Der Fokus auf eine weniger bekannte Periode des Lebens der Künstlerin ist einer der Faktoren, die Regisseurin Zaida Bergroth am Projekt angezogen haben.

„Es war für mich wichtig, sich auf einen Teil von Toves Leben zu konzentrieren, über den die Leute möglicherweise nicht unbedingt Bescheid wussten“, sagt Bergroth. „Ich hatte ein starkes Interesse an Toves Beziehung zu … Atos Wirtanen, an ihr erstes Verliebt-sein in eine Frau und die Querverbindungen zwischen ihrer Malerkarriere und den Mumins.“

Bergroth sagt, sie habe „eine Verbindung“ zu den Themen des Films „gefühlt“, die sich mit Janssons „Bemühungen befassen, ihr Gefühlsleben unter Kontrolle zu bringen und sowohl in der Liebe als auch als Künstlerin frei und unabhängig zu sein“.

Künstlerleben

Eine Frau und ein Mann mit spitzen Partyhüten sehen sich an.

Der Intellektuelle und Parlamentsabgeordnete Atos Wirtanen (links, gespielt von Shanti Roney) wurde zu einer bedeutenden Person in Janssons Leben. Foto: Sami Kuokkanen/Nordisk Film

„Was Toves Malereien betrifft, handelt es sich um eine interessante Ära, die wir im Film darstellen“, sagt Bergroth. „Meiner Meinung nach war die Zeit, auf die wir uns konzentrieren, das Jahrzehnt nach dem Krieg, wahrscheinlich nicht ihre stärkste als Malerin. Das hat mich fasziniert und mich veranlasst zu enträtseln, was der Grund gewesen sein könnte.“

Bergroth, geboren im mittelfinnischen Dorf Kivijärvi, stammt selbst aus einer Künstlerfamilie. Ihre Mutter ist Malerin, und Bergroth hat sich schon in jungen Jahren in künstlerischen Kreisen bewegt.

„Unser Leben folgte dem Rhythmus der Ausstellungen meiner Mutter: eine intensive Malphase, gefolgt vom krönenden Abschluss fieberhafter Erregtheit am Abend der Vernissage“, sagt sie. „Empfänge, Verkäufe, Erholungsperiode und schließlich eine weitere intensive Malphase.“

Es wurden oft Partys veranstaltet. „Zu ihrem Freundeskreis gehörten neben bildenden Künstlern auch Schriftsteller, Musiker, Regisseure und Schauspieler“, sagt Bergroth. „Tatsächlich war Vivica Bandler einmal auf einer Party bei uns.“

Tove ergründen

Auf einem Werbeplakat für den Film tanzt eine Frau.

Filmregisseurin Zaida Bergroth sagt über Tove Jansson: „Tanzen war für sie eine Leidenschaft und sie tat es ausgiebig. Also denkt daran zu tanzen!“ Der Schatten hinter Jansson auf diesem Kinoplakat zeigt die Form eines Mumins. Foto: Nordisk Film

Es ist keine leichte Aufgabe, die Herausforderung anzunehmen, bei der Filmbiografie über eine so große Nationalkünstlerin wie Jansson Regie zu führen. Als Produzent Aleksi Bardy sich wegen des Projekts anfangs an Bergroth gewandt hat, war sie zwar „sehr erfreut, eine so fantastische Gelegenheit zu haben“, wie sie sagt, „aber ich war mir gleichzeitig nicht sicher.“

Und so startete sie eine intensive Recherche: „Es war mir wichtig, eine starke persönliche Verbindung zu Toves Welt und den Themen des Films herstellen zu können.“ Deshalb besuchte sie zusammen mit der Produzentin Andrea Reuter, der Fotografin Linda Wassberg und der Szenografin Catharina Nyqvist-Ehrnrooth Janssons Studio in Helsinki mit seinen hohen Wänden und großen Fenstern.

„Ich las die Biografien von Boel Westin und Tuula Karjalainen“, erzählt Bergroth. „Ich las Toves Briefe an ihre Freunde, nahestehende Personen sowie Familienmitglieder und verbrachte Zeit in den Archiven der nationalen Fernseh- und Rundfunkanstalt Yle, um mir Videomaterial über Tove, Vivica Bandler, Atos Wirtanen und die Helsinkier Künstlerszene in den 1940er und 50er Jahren anzusehen.“

Leichtigkeit, Humor und Ernst

Eine Frau sitzt in der Mitte von Muminfiguren.

Tove Jansson zeichnete dieses Eigenporträt umgeben von diversen Muminfiguren, darunter Snufkin (rechts mit Hut), zu dem sie angeblich von Janssons Freund Atos Wirtanen inspiriert worden war. Copyright für die Illustration Moomin Characters Ltd

Bergroth lernte Jansson auch besser kennen, indem sie ihre Gemälde, Fresken und Bücher analysierte. „Ich habe mir verschiedene Dokumentarfilme gesehen“, sagt sie. „Ich habe mir die Musik angehört, die Tove gern gehört hat. Wir haben von Toves Nichte Sophia Jansson Feedback zu dem Drehbuch erhalten.“

Bergroth hat auch über den Erfolg der Mumins nachgedacht und stützt sich dabei auf Janssons philosophische Überlegungen. „Ich denke, dass diese Kombination aus Leichtigkeit, Humor und überraschendem Ernst Erwachsene und Kinder auf besondere Weise anspricht“, so die Regisseurin.

Aufgrund der Hintergrundforschung „fand ich, dass wir die Freiheit hatten, unverkrampft zu sein und unsere eigene Geschichte zu schreiben“, sagt Bergroth. „Verspieltheit und Freude waren Tove wichtig, wenn es um Kreativität ging. Das habe ich auch als meine eigene Richtlinie herangezogen.“

Von Tabatha Leggett, September 2020