Seit 80 Jahren startet jedes Kind in Finnland besser ins Leben

Finnlands Mutterschaftspaket für alle werdenden Mütter lässt sich bis ins Jahr 1938 zurückverfolgen. Wir werfen einen Blick auf Finnlands lebensverändernde, soziale Innovation und schauen uns an, was sich in der 80. Jubiläumsausstattung verändert hat.

Artikel lesen

Jeden Frühling, wenn die finnische Sozialversicherungsanstalt (Kela) ihr neuestes Mutterschaftspaket präsentiert, herrscht ein kleiner Wirbel.

Mit großem Interesse wird die Ankündigung neuer Artikel, Farben und Designs verfolgt, schließlich hilft das Mutterschaftspaket zu bestimmen, was Zehntausende von Babys landauf landab tragen werden.

Luca und Eetu, zwei Jungen, die zum Zeitpunkt des Schreibens etwa fünf Monate alt waren, stellten auf einer Pressekonferenz einige der neuen Kleidungsstücke vor. Die Aufmerksamkeit schien, die beiden Models nicht zu stören.

Materieller, medizinischer und pädagogischer Wert

Dieses Unboxing-Video zeigt Sachen aus dem Mutterschaftspaket 2017, das jährlich auf der Grundlage des Feedbacks der Eltern sowie entsprechend den wechselnden Trends aktualisiert wird. (Englische Untertitel)
Video: Finnlands Sozialversicherungsanstalt (Kela)

Das Mutterschaftspaket bietet mehr als ein Modestatement. Jede neue Mutter in Finnland hat das Recht auf diese Kiste mit Babykleidung, Pflegeartikeln und Accessoires, um jedem Kind einen guten Start ins Leben zu ermöglichen und den Eltern zu helfen, in ihre neue Rolle zu schlüpfen. Das System wurde 1938 aus der Taufe gehoben. Damals führte die Regierung im Kampf gegen die bedenkliche Kindersterblichkeit und sinkenden Geburtenraten das Mutterschaftspaket als monetäre Stütze ein.

Damals wie heute mussten werdende Mütter eine Pränatalklinik besuchen, um sich für die ermunternde Zuwendung zu qualifizieren. Der medizinische und erzieherische Wert dieser Klinikbesuche bleibt denn auch weiterhin eng mit dem Mutterschaftspaketkonzept verbunden. Finnland hat im weltweiten Vergleich eine der niedrigsten Kinder- und Müttersterblichkeitsraten.

Heute kann man zwischen dem Mutterschaftspaket oder einer Geldleistung in Höhe von 140 Euro wählen. Ungefähr 60.000 Familien nehmen jedes Jahr eines von beiden in Empfang. 95 Prozent der Erstgebärenden entscheiden sich für das Mutterschaftspaket; für die folgenden Kinder wollen fast ein Drittel der Mütter lieber das Geld.

Eine äußerst nützliche Idee

Luca trägt türkisfarbene, fusselfreie Höschen zum diesjährigen Wickel-Bodysuit mit drolligen Darstellungen von orangefarbenen Katzen, blauen Eichhörnchen, weißen Lämmern und grünen Elchen, die von weißen Wolken überlappt werden.Foto: Pauliina Pennanen

Kela variiert und aktualisiert das Mutterschaftspaket jedes Jahr und stützt sich dabei auf das Feedback der Eltern und die wechselnden Trends. In der Version 2018 wurden eine Wollhose und blauweiße Filzstiefelchen dazugetan. Letztere sind in Anerkennung des 80-jährigen Jubiläums der Mutterschaftspakets mit einer „80“ geschmückt.

Zu den Standardsachen gehören ein Schneeanzug, Handschuhe, verschiedene Mützen und eine Decke, die mit einem Reißverschluss zu einem Schlafsack umgewandelt werden kann. Die Auswahl der Winterausstattung in der Kiste zeigt, dass die Finnen es gewohnt sind, von Kindesbeinen an draußen an der frischen Luft zu sein, egal welche Temperaturen herrschen.

Die Farben und Muster der Stoffe und sogar die Illustrationen auf der Box ändern sich von Jahr zu Jahr, sind aber geschlechtsneutral konzipiert. Jede Familie bekommt die gleiche Zusammenstellung. 2018 ist der Schlafsack beispielsweise mit Pointillismus-inspirierten Schafen auf einem blaugrünen Hintergrund übersät; 2017 waren es  blaue, rosa und gelbe Eulen auf einem grauen Hintergrund; und 2016 prunkte er mit einem blaugrünem Muster aus Bären, Beeren und Nadelbäumen.

Neben der Vielfalt an Kleiderstücken – nicht alles ist Winterkleidung – enthält das Mutterschaftspaket auch nützliche Dinge wie eine Nagelschere, die erste Zahnbürste fürs Baby, eine Haarbürste und ein Badethermometer. Eine Schaumstoffmatratze bedeckt den Boden der länglichen Kiste, sodass die Box sogar als sicheres, sauberes Bettchen für das neue Baby dienen kann.

Im Laufe der Zeit ist auch ökologische Nachhaltigkeit, hauptsächlich aufgrund der Kundenkommentare, immer mehr in den Vordergrund gerückt. So hat Kela 2009 aufgehört, Wegwerfwindeln in die Box zu tun, da sie Hunderte von Jahren benötigen, um sich zu zersetzen, und schädliche Chemikalien enthalten.

Wissensschub

Ein Model zu sein, ist harte Arbeit: Eetu ist noch, ehe er die Bewegungsfreiheit im Baumwoll-Overall, den Finnlands neues Mutterschaftspaket enthält, aktiv zeigen konnte, in den Armen seiner Mutter eingeschlafen.Foto: Pauliina Pennanen

Kela erhält häufig Anfragen von anderen Ländern, die erwägen, ähnliche Programme einzuführen. Schottland, Argentinien und der US-Bundesstaat New Jersey experimentieren mit eigenen Mutterschaftspaketen. Kela liefert Hintergrundinformationen über sein Programm, gibt aber keine spezifischen Empfehlungen zum Inhalt von solchen Kisten, da ortsgebundene Klima- und kulturelle Faktoren Einfluss auf die Auswahl des Inhalts haben.

Die von anderen Regierungen eingeführten Mutterschaftspakete ähneln in ihren Prioritäten dem finnischen Programm. Der Hauptaspekt besteht darin, allen Kindern zu einem gleichgestellten Start ins Leben zu verhelfen und das Paket auf ihre Bedürfnisse abzustimmen.

Werdende Eltern ziehen nicht nur einen materiellen Nutzen aus dem Mutterschaftspaket, sondern erhalten auch einen entscheidenden Wissensschub, dadurch dass sie zu einer Zeit, in der es viel zu lernen gibt, mit Gesundheitspersonal in Kontakt kommen. Wenn man das gesamte Konzept auseinanderklamüsert, zeigt sich, dass dies für die ganze Gesellschaft von Vorteil ist.

Von Pauliina Pennanen und dem ThisisFINLAND-Mitarbeiterstab, März 2018

Lesen Sie außerdem auf thisisFINLAND

Links