„Pulled Oats“ haben Finnland erobert – jetzt steht die internationale Markteinführung an

Das finnische Unternehmen Gold&Green Foods hat einen veganen Fleischersatz entwickelt, der zum globalen Klimaschutz beitragen kann.

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Wie entwickelt man ein veganes Protein, das einfach zu kochen ist und die Konsistenz von Fleisch hat? Das war die Frage, die Reetta Kivelä, Mitbegründerin von Gold&Green Foods, beschäftigte, als sie mit ihrer Arbeit an ihrem Produkt begann.

Wir wollen eine echte Fleischalternative bereitstellen und auf unsere Art dazu beitragen, die nicht nachhaltige Massenproduktion von Fleisch zu senken. Wir sind der festen Überzeugung, dass wir als Unternehmen – wie jeder Einzelne auch – globale Phänomene wie die Klimaveränderung positiv beeinflussen können,“ sagt Dr. Reetta Kivelä, 39, Mitbegründerin und technische Direktorin bei Gold&Green Foods. Sie entwickelte zusammen mit einer Freundin den Produkthit des Start-up-Unternehmens: einen Fleischersatz namens „Pulled Oats“.

Die Klimaveränderung ist die treibende Kraft hinter den Unternehmenswerten von Gold&Green Foods. Eine ihrer Schwächen sei der Versuch, die Welt zu retten, gibt Kivelä zu. Sie wurde in der Oberstufe zur Vegetarierin, musste aber als junge Frau und aktive Athletin darauf achten, dass sie bei ihrer Ernährung genügend Protein zu sich nahm.

„Seitdem passe ich meine Ernährung daran an, mit wem ich Essen gehe und was auf dem Speiseplan steht. Wenn sich jemand die Mühe macht, für mich zu kochen, möchte ich nicht pingelig sein“, meint Kivelä.

Die Produktion von Haferfleisch

Foto: Kreetta Järvenpää

Ihre Dissertation über die Verarbeitung von Hafer erhielt 2011 von der Fakultät für Land- und Forstwirtschaft der Universität Helsinki die Bewertung „Ausgezeichnet“. Sie arbeitete daraufhin bei Fazer, Finnlands größtem Back- und Süßwarenunternehmen, das sie für ein Sabbatical verließ. Sie war nun offen für neue Ideen, und traf sich mit Maija Itkonen, einer Freundin aus ihrer Schulzeit, die eine anerkannte Start-up-Unternehmerin und Mitbegründerin der Design Factory der Aalto-Universität war. Itkonen schlug ihr vor, sich zusammenzutun und „Haferfleisch“ zu entwickeln.

„Die Idee klang anfangs nicht sehr reizvoll“, erinnert sich Kivelä lachend. „Doch schon bald nahmen wir das Konzept des ‚perfekten Proteins‘ in Angriff.“

Das Ergebnis ihrer Forschungsarbeit war ein veganes Produkt aus Hafer, Fava-Bohnen und Erbsen. Es hat einen natürlichen, milden Geschmack, kann in zahlreichen Gerichten verwendet werden und ist ideal für vielbeschäftigte Familien. Der Herstellungsprozess von „Pulled Oats“ ist ein Firmengeheimnis, das Kivelä und ihre Geschäftspartner nach einem chinesischen Verfahren adaptiert haben. Das Produkt wird ausschließlich mechanisch verarbeitet, also vermischt, gepresst und erhitzt.

Laut Kivelä sei der Produktname „Pulled Oats“ anfänglich ein Scherz gewesen, den die ersten Kundentestgruppen jedoch mochten.

„So wurde aus unserer Arbeitsbezeichnung der offizielle Produktname“, führt sie aus.

Die Unternehmerinnen erhielten von der finnischen Förderagentur für Technologie und Innovation (Tekes) Anschubfinanzierung, und von der Aalto-Universität wurden ihnen Einrichtungen zur Produktentwicklung zur Verfügung gestellt. Kivelä betont, es sei großartig, dass man von Anfang an an das Jungunternehmen geglaubt habe.

„Wir haben die Firma 2015 unter dem Namen ‚Oat Kitchen‘ gegründet, ihn dann aber im Herbst in ‚Gold&Green Foods‘ umgeändert. Ich bin überrascht, wie viel wir in dieser kurzen Zeit erreicht haben, auch wenn es uns einige schlaflose Nächte bereitet hat“, sagt sie.

Das gut verträgliche Getreide

Kivelä hatte zuvor keine besondere Vorliebe für Hafer. Das hat sich inzwischen geändert.

„Hafer ist zum Beispiel im Gegensatz zu Roggen leicht verträglich. Und Haferfasern sind einzigartig. Sie enthalten viel Protein, gesunde Fette, Antioxidationsmittel und bieten unvergleichliche gesundheitliche Vorteile“, so Kivelä.

Global betrachtet werden in Finnland beträchtliche Mengen an Hafer produziert. Der Ernteertrag wird größtenteils exportiert, nur ein Zehntel wird für die finnische Lebensmittelerzeugung genutzt. Kivelä betont, dass die Wachstumsbedingungen für Hafer in den nordischen Ländern besonders vorteilhaft sind:

„Der Hafer mag einfach die finnische Anbausaison mit viel Sonne und Regen: Hafer gehört außerdem zu den ökologischsten Getreidesorten der Welt“, betont sie.

Kivelä ist davon überzeugt, dass Finnland der Welt außer Hafer noch weitere nordische Rohmaterialien zu bieten hat.

„Es herrscht aber starke Konkurrenz, daher möchte ich das jetzt nicht weiter ausführen“, erklärt sie mit einem Lächeln.

Größere Märkte im Visier

Foto: Kreetta Järvenpää

Im Juni 2016 wurde Kivelä von der Fakultät für Land- und Forstwirtschaft der Universität Helsinki mit dem Titel „Einflussnehmerin des Jahres“ ausgezeichnet. 2015 hatte man ihr der Titel „junge Forschungsunternehmerin des Jahres“ verliehen. Sie und ihr Produkt haben reges Interesse und eine große Nachfrage geweckt. Ihr vorheriger Berufsweg sei für die aktuelle Situation jedoch nicht ausschlaggebend gewesen. Die Dinge hätten sich seit der Unternehmensgründung sehr schnell entwickelt.

Im Frühjahr 2016, zum Zeitpunkt der Markteinführung des Produkts, hatte das Unternehmen nur fünf Mitarbeiter. Heute arbeiten bereits 25 Personen in ihrem nördlich von Helsinki gelegenen Werk in Järvenpää für Kivelä.

„In naher Zukunft wollen wir eine Produktionsstätte in Schweden zur Versorgung des dortigen lokalen Markts eröffnen“, informiert sie uns.

„Einige behaupten, dass in Finnland zurzeit ein düsteres Wirtschaftsklima herrscht, aber wir sehen das anders. Vielleicht ist die Freude am Erfolg daran schuld“, fügt sie hinzu.

Gold&Greens Unternehmerinnen haben nun eine ehrgeizige Internationalisierung ins Auge gefasst. So hat etwa die die Nachrichtenagentur Reuters bereits über das ihr Erstprodukt berichtet, und im Herbst 2016 wurde es in Frankreich als „Bestes neues Proteinprodukt des Jahres“ ausgezeichnet.

Der große finnische Kaffee- und Lebensmittelkonzern Paulig, der im Herbst 2016 eine Mehrheitsbeteiligung an Gold&Green erwarb, verleiht dem Start-up-Unternehmen bei der internationalen Markteinführung von „Pulled Oats“ nun zusätzlichen Auftrieb.

„Pulled Oats war in Finnland nach seinem Marktdurchbruch praktisch ausverkauft“, sagt Kivelä. „Paulig stellt uns zusätzliche Ressourcen für die Produktion, den Vertrieb, das Marketing und für die Erweiterung unserer Produktfamilie zur Verfügung.“

Und so funktioniert es bei uns

Garantiert glutenfrei

Foto: Gluto

Gluto ist eine Marke frischer Teigwaren, die im Prinzip für jedermann geeignet sind, unabhängig von Nahrungsmitteleinschränkungen. Die Frischnudeln werden aus glutenfreiem Reis- und Maismehl ohne Milchprodukte, Eier oder Lebensmittelzusätze verarbeitet. Gluto-Frischnudeln werden in Finnland aus reinen Rohmaterialien mit kulinarischem Know-how aus Italien hergestellt. Das Produkt vereint das Beste zweier Länder: Die anspruchsvollen finnischen Lebensmittelstandards und kulinarische Köstlichkeiten aus der italienischen Küche.

Roggenwhisky

Foto: Kyrö Distillery

Die Kyrö-Destillerie spezialisiert sich auf die Herstellung von Roggenwhisky. Sie wurde 2014 in Isokyrö im westfinnischen Österbotten gegründet. Dort wird ferner Napue Gin produziert, der 2015 unter 150 Wettbewerbern den Gin & Tonic-Preis der britischen „International Wine and Spirits Competition“ gewann. In 20 Jahren möchte Kyrö die weltweit renommierteste Destille für Single-Malt-Roggenwhisky sein und jährlich 20.000 Liter Whisky und 30.000 Liter Gin brennen.

Die Heilkraft arktischer Kräuter

Foto: Arctic Warriors

Die Gründung des Naturproduktunternehmens Arctic Warriors zielte darauf ab, allen Menschen die Heilkraft der Kräuter Lapplands nahezubringen. Die „arktischen Krieger“ haben sich gemäß ihrer Mission dem Kampf für ein gutes Leben, natürliches Wohlbefinden und ein vitales Lappland verschrieben. Seine Rohmaterialien bezieht das Unternehmen von lokalen Kleinbauern und Sammlern wilder Kräuter. 2015 erhielten die Arctic Warriors eine Auszeichnung als innovativstes ländliches Start-up.

Von Hanna Ojanpää, ThisisFINLAND Magazine 2017

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