Finnische Metal-Musik weltweit im Trend

Warum sind finnische Heavy-Metal-Bands weltweit so populär? Wegen ihrer komplexen Musik mit gefühlsbetontem Inhalt.

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Warum sind finnische Heavy-Metal-Bands auf der ganzen Welt so populär? Das hat etwas mit der Komplexität der Musik und dem sehr gefühlsbetonten Inhalt zu tun.

Versetzen wir uns im Geiste ins Jahr 2006 zurück. Damals siegte Finnland zum ersten Mal im Eurovision Song Contest. Trotz seines wohlverdienten Rufs als Inbegriff schmalziger Bubblegum-Popmusik eroberte das als Monster verkleidete Heavy-Metal-Quintett Lordi den Gesangswettbewerb im Sturm.

Finnland ist bekannt für seinen Heavy-Metal-Export, der weit über den Eurovisionswettbewerb hinausreicht: In den Metal-Kreisen auf der ganzen Welt werden Nightwish, HIM, Insomnium, Children of Bodom, Amorphis und viele andere finnische Musiker glühend verehrt. Nightwish hat weltweit mehr als acht Millionen Platten verkauft, eine reife Leistung für eine Band in einem Genre, das sich abmüht, in den Mainstream-Medien überhaupt wahrgenommen zu werden.

Dieses Phänomen existiert bereits Jahre lang. Stellt sich aber dennoch die Frage: Wie haben es die finnischen Metal-Bands zu solcher Popularität im Ausland gebracht?

Musikalische Komplexität

Heavy-Metal-Hotspot: Mit kolossalen 53,2 Bands pro 100.000 Menschen ist Finnland ist das röteste Land auf der Landkarte, wenn es um Heavy Metal geht.

Heavy-Metal-Hotspot: Mit kolossalen 53,2 Bands pro 100.000 Menschen ist Finnland das röteste Land auf der Landkarte, wenn es um Heavy Metal geht.Illustration: depo/cc-by-sa

Definitionsgemäß gieren Heavy-Metal-Fans nach Musik abseits des Mainstreams. Sie bevorzugen Inhalte, die sich kühn von der Normalität des Pops abheben. Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum finnisches Heavy Metall im Ausland angehimmelt wird.

Finnische Metal-Musik verfügt über unglaublich komplizierte Songstrukturen. Finnlands Musik-Exporte besitzen Qualitäten, die sie in der Heavy-Metal-Szene hervorheben, angefangen von den verschlungenen und dennoch ungemein fesselnden Gitarrensoli der Children of Bodom bis zu Apocalypticas Hingabe an die Verwendung von Celli statt Gitarren und sogar Nightwishs Drang, Fantasy-Geschichten zu erzählen.

David Creamer, ein 19-jähriger Metal-Fan aus Manchester in England, führt seine Leidenschaft fürs finnische Heavy Metal auf die strukturelle Komplexität der Songs zurück. „Wenn ich von der musikalischen Komplexität in Bezug auf die finnischen Metal-Musiker rede, meine ich damit nicht so sehr die technischen Aspekte beim Schreiben der Songs, auch wenn es viele finnische Metal-Bands wie Wintersun gibt, die mit ihren musikalischen Talenten bis zum Äußersten gehen“, sagt er. „Vielmehr herrscht eine auffallende Üppigkeit an Stilen im Heavy Metal, das aus Finnland kommt. Wenn man an diese Vielschichtigkeit denkt, da haben finnische Bands offenbar die endlose Fähigkeit, solchen Fans gerecht zu werden, die gerne vielfältiges Heavy Metall hören wollen.“

Die Musik kommt bei den Fans rund um den Erdball so gut an, weil es hier eine so große Variationsbreite sowohl im Songschreiben als auch in der Komplexität des musikalischen Ansatzes gibt.

Emotionen durch Musik wecken

Schon richtig: Die Bandmitglieder von Insomnium schauen wohl etwas unausgeschlafen aus.

Schon richtig: Die Bandmitglieder von Insomnium schauen wohl etwas unausgeschlafen aus.Foto: Axel Jusseit

Das Publikum weiß komplexe Songstrukturen und professionelles musikalisches Können zu schätzen. Ein weiteres hervorstechendes Merkmal der finnischen Metal-Bands ist indessen ihr unbändiger Wunsch, eine Vielzahl von Emotionen zum Ausdruck zu bringen. Insomniums herrliches Zwillingsgitarrenspiel und bewegende Songtexte können Zuhörer zu Tränen rühren. Children of Bodom baut innere Aggressionen ab, und Korpiklaani mit ihrer fröhlichen Mischung aus Metal und Folk kann einen in schallendes Gelächter ausbrechen lassen.

Nightwish ist seit Langem dafür bekannt, im Fantasy-Bereich angesiedelte Geschichten zu erzählen und ihren Werke mittels eines theatralischen musikalischen Ansatzes, einer Kombination aus Keyboard, Doublebass-Schlagzeugspiel, Heavy-Metal-Gitarren und Operngesang, Innerlichkeit zu verleihen.

Auf der Cover-Rückseite des achten Studioalbums der Band, das von Musikkritikern auf der ganzen Welt gefeiert wurde, erklärt Sängerin Floor Jansen, wie Nightwish illustriert, warum finnisches Heavy Metall so beliebt ist. Sie hebt vor allem die Bedeutung der ausgelösten Gefühle hervor und die Themen, die abgedeckt werden, sowie unter anderem auch eine überraschende Verbindung zur Natur.

„Diese Musik regt die Fantasie an. Aber dieses Album versucht nicht nur, die Fantasie zu beflügeln, sondern auch die Magie der Wirklichkeit“, sagt sie. „Solche Dinge wie, was es mit dem Vogelzug auf sich hat oder wie es auf der Welt nach dem Winter wieder zu wachsen beginnt. Es gibt so viele kleine Wunder in der Natur. Das macht dieses Album einzigartig.“

Ohnegleichen

Finnische Metal-Bands schrecken nicht davor zurück, auseinanderliegende Sphären miteinander zu mischen. Violinist Pekka Kuusisto und Uilleann-Pipes-Spieler, Troy Donockley, jammen hier mit Nightwish.

Finnische Metal-Bands schrecken nicht davor zurück, auseinanderliegende Sphären miteinander zu mischen. Violinist Pekka Kuusisto und Uilleann-Pipes-Spieler, Troy Donockley, jammen hier mit Nightwish.Foto: Timo Isoaho

Eine Heatmap von 2012 zeigt, dass Finnland mit 53,2 Metal-Bands pro 100.000 Menschen, was Metal-Bands betrifft, Weltspitze ist.

In Anbetracht dieses Niveaus von Begeisterung überrascht es nicht, dass finnisches Heavy Metal nicht nur innerhalb der Landesgrenzen, sondern auch beim globalen Musikpublikum sehr beliebt ist. Die Ära des Internets und der sozialen Medien mit Kanälen wie Spotify und YouTube, die eine Vielzahl von finnischen Talenten weltweit in Reichweite rücken, hat dazu beigetragen, Finnlands Griff nach den Köpfen und Herzen der Metal-Fans zu stärken.

Mit den vielen sommerlichen Auftritten von Finnlands größten Metallexporten auf Musikfestivals überall in der Welt lässt sich kein Nachlassen der unerbittlichen finnischen Dominanz in der globalen Heavy-Metal-Szene feststellen.

 

Von James Weaver, Juni 2015