Dirigierstudium: Finnland schwingt meisterhaft den Taktstock in der Welt

Die renommiertesten Orchester in der internationalen klassischen Musikszene engagieren junge finnische Dirigenten. Warum hat Finnland einen solchen Erfolg auf diesem Gebiet?

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Finnland, ein Land mit 5,5 Millionen Einwohnern, hat 30 Orchester, darunter 14 Symphonieorchester, so ihr Verband. Dies stellt mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit die weltweit größte Anzahl an Orchestern pro Einwohner eines Landes dar.

Das Land des Komponisten Jean Sibelius trägt mit seinen Dirigiertalenten schon sehr lange zur internationalen klassischen Musikszene bei. Finnlands Erfolg im Heranziehen zahlreicher international anerkannter Dirigenten beruht auf einem langfristigen politischen Engagement für musikalische Bildung und Kultur und deren Subventionierung.

Unter den finnischen Dirigenten, die zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels erst kürzlich zu namhaften ausländischen Orchestern berufen wurden, befinden sich Dalia Stasevska (BBC-Symphonieorchester), Santtu-Matias Rouvali (Londoner Philharmonie), Eva Ollikainen (Isländisches Symphonieorchester) und Klaus Mäkelä (Osloer Philharmonie).

Breitgefächerter Hintergrund

Die finnische Dirigentin Eva Ollikainen leitet ab der Spielzeit 2020–21 das Isländische Symphonieorchester. Foto: Nikolaj Lund

„Einer der Hauptgründe, warum so viele Dirigenten und hochkarätige Musiker aus Finnland kommen, ist das hohe Niveau und die Vielgestaltigkeit unserer Musikausbildung“, sagt Ville Matvejeff, Dirigent, Komponist, Pianist und künstlerischer Leiter des Savonlinna Opernfestivals, das jeden Sommer in Ostfinnland abgehalten wird.

„Viele von uns haben mehrere Instrumente, Komposition, Gesang und verschiedene Musikgenres usw. studiert, was einen breiten Hintergrund und das Werkzeug bietet, die für die Arbeit als Dirigent erforderlich sind.“

Matvejeff studierte an der Sibelius-Akademie in Helsinki und am westlich der Hauptstadt gelegenen Espooer Musikinstitut. Er war Assistent bei berühmten Dirigenten wie Esa-Pekka Salonen, ebenfalls Finne, der unter anderem für sein Jahrzehnte langes Dirigat des Los Angeles Symphonieorchesters weltberühmt ist.

Die Freiheit sich zu entfalten

Aku Sorensen, ein finnisch-amerikanischer Geiger und Dirigent, sagt, dass er an der Sibelius-Akademie „die Freiheit hat, sich als Dirigent zu entfalten“.
Foto: Mario Ramirez

Die Sibelius-Akademie, die zur Universität der Künste in Helsinki gehört, ist Finnlands berühmteste und wettbewerbsfähigste Stätte für Musikausbildung, bekannt für erstklassigen Unterricht, Innovation und dem Heranziehen eines Teils der berühmtesten Dirigenten der Welt. Ihre Dirigentenkurse beinhalten die Ausbildung zum Orchester-, Chor- und Blasorchesterleiter.

„Die Sibelius-Akademie bietet die Freiheit, sich als Dirigent zu entwickeln, sowie eine wundervolle Gemeinschaft von Studenten und Pädagogen, die sich gegenseitig vollends unterstützen“, meint Aku Sorensen, ein finnisch-amerikanischer Dirigierstudent im ersten Semester, der zuvor seinen Abschluss in Geigenspiel gemacht hat.

„In der ersten Woche meines Studiums wurde ich sozusagen den Wölfen zum Fraße vorgeworfen. Da habe ich habe bereits das Trainingsorchester der Akademie leiten müssen. So was wie: Friss, Vogel, oder stirb! Aber es ermöglicht einem, schon früh seinen eigenen persönlichen Weg zum Dirigieren zu finden.“

Wenn Studenten eingeladen werden, andere Orchester zu dirigieren, dürfen sie eine Studienpause einlegen. So fungierte Sorensen etwa als Konzertmeister im Helsinkier Kammerorchester und künstlerischer Leiter von Sounds of Luosto, ein Musikfestival, das in Finnisch-Lappland stattfindet.

Inspirierende Kommunikatoren

„Ich glaube, dass große Dirigenten neugierig und gute Kommunikatoren sind“, sagt die finnische Dirigentin Dalia Stasevska.
Foto: Nikolaj Lund

Dirigent zu sein, bedeutet nicht nur, den Takt zu schlagen. Der Dirigent interpretiert die Partitur, gibt die Phrasierung, Dynamik und das Tempo an und merkt, wenn etwas schiefgeht.

„Es gibt keine Patentlösung, wie man richtig dirigiert“, sagt Dalia Stasevska, die seit August 2019 Hauptgastdirigentin des BBC-Symphonieorchesters ist. „Wir haben alle unterschiedliche Persönlichkeiten, aber ich glaube, dass die großen Dirigenten neugierig und gute Kommunikatoren sind. Sie wissen genau, was sie wollen, und sie müssen andere inspirieren.“

Stasevska wurde am Tampere-Konservatorium zur Geigerin sowie an der Sibelius-Akademie zur Bratschistin und Dirigentin ausgebildet.

Sie lobt das Trainingsorchester der Sibelius-Akademie, das ausschließlich aus Studenten besteht. Dort „bildet man seinen substanziellen Kern, seine Technik heran und man legt sich dabei auch bloß. Bei der Ausbildung ist es sehr wichtig, ein Instrument zu haben, und dasjenige eines Dirigenten ist das Orchester“, sagt Stasevska.

Instrumente und Taktstöcke

Jutta Seppinen absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Sängerin an der Sibelius-Akademie, bevor sie mit dem Orchesterdirigieren begann.
Foto: Maarit Kytöharju

Das Ingenium finnischer Dirigenten stützt sich summa summarum auf eine hervorragende Musikausbildung, tief verwurzelte Musikkultur und musikalische Vielseitigkeit.

In Finnland lernen die meisten Dirigierstudenten zuerst das Handwerk eines Instrumentalisten, bevor sie den Sprung zur Leitung eines gesamten Orchesters wagen. „Wenn man nicht weiß, wie man ein Instrument auf höchstem Niveau spielt, ist es praktisch unmöglich, das Zepter über professionelle Instrumentalisten zu schwingen“, so Matvejeff.

Dennoch sind nicht alle Dirigenten Instrumentalisten. Jutta Seppinen, die als Dirigentin des Akademischen Frauenchors Lyran arbeitet, absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Sängerin an der Sibelius-Akademie, bevor sie das Orchesterdirigieren aufnahm.

Sie arbeitete kürzlich mit dem Philharmonischen Orchester Helsinki zusammen und wird im Frühjahr 2020 das Lahti-Symphonieorchester und das Vivo-Symphonieorchester, das junge Musiker aus ganz Finnland vereint, dirigieren.

„Da ich vom Gesang her komme, ist mein Instrument meine Stimme“, sagt Seppinen, die den Gebrauch eines Taktstocks lernen musste, nachdem sie zuvor Chöre ohne Taktstock dirigiert hatte. „Ich stelle also eine Ausnahme dar, was das Dirigieren von Orchestern betrifft.“

Von Carina Chela, Januar 2020

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