Ein Umzug nach Finnland ist die eine Sache. Vorbereitung, so wird man Ihnen sagen, ist alles. Man wird Ihnen raten, sich auf die Ruhe der Stille, die eisige Kälte des Winters und die völlige Nacktheit in der Sauna einzustellen. Niemand warnt einen jedoch davor, dass Schneeballschlachten bei weitem nicht so einfach sind, wie sie aussehen.
Cleber Gonçalves musste dies vor mehr als 20 Jahren an seinem ersten Tag hier aus Brasilien auf die harte Tour erfahren.
„Ich ging nach draußen, spielte im Schnee und versuchte, Schneebälle zu formen. Aber es war ein bisschen zu kalt, sodass sie nicht so gut gelingen wollten“, sagt er. „Mir wurde klar, dass ich das wahrscheinlich schon 30 Jahre früher hätte tun sollen, als ich noch ein Kind war.“

Während der Pandemie zog CoolHead in ein ehemaliges Gewächshaus der Universität Helsinki im Stadtteil Viikki um.Foto: Emilia Kangasluoma
Wie viele andere wurde auch Gonçalves nach einem ersten Besuch schließlich aus Liebe dazu verleitet, auf Dauer hierher zurückzukehren. Seine Vorstellungen von Eisbären und Pinguinen auf den Straßen (beide Tierarten kommen in Finnland nicht vor) wichen schnell etwas Bodenständigerem: einer Karriere im IT-Bereich und einem neuen Hobby.
„Ich habe in Finnland gelernt, Bier zu brauen“, erinnert er sich. „Damals in Brasilien wusste ich im Grunde nichts über Bier. Ich war einfach nur ein weiterer Konsument von Massenbier. Meine ersten Erfahrungen mit Craft-Bier machte ich hier.“
2013 stand Gonçalves an einem beruflichen Scheideweg. Jetzt oder nie. Kämpfen. Fliehen. Zeit, sein Hobby auf ein neues Level zu heben. Im folgenden Jahr entstand CoolHead Brew.
Die Kraft des Sauren

Bei seinem ersten gemeinsamen Mittagessen mit dem Team in Finnland brauchte Gonçalves so lange, sich sein Essen auszusuchen, dass seine Kollegen bereits fertig gegessen hatten, als er sich endlich hinsetzte. „Nach einer Woche, in der ich allein gegessen hatte, lernte ich, schneller zu essen“, sagt er.Foto: Emilia Kangasluoma
CoolHeads großer Durchbruch kam früh: Die Brauerei nutzte den Craft-Beer-Boom und war die erste in Finnland, die konsequent saure Biere herstellte. Eine unaufhaltsame Welle der Kreativität hat seitdem mehr als 380 verschiedene Biersorten hervorgebracht.
„Selbst heute bringen wir vielleicht drei oder vier neue Biersorten pro Monat auf den Markt“, sagt Gonçalves. „Wir haben jede einzelne Frucht ausprobiert, die man sich vorstellen kann, und so gut wie alle Gewürze und Hopfenkombinationen.“

Die Identität von CoolHead als Sauerbrauerei entstand, als ein studentischer Teilzeitmitarbeiter diesen Stil in einer Craft-Beer-Bar entdeckte. CoolHead Brew hat seit seiner Gründung 2014 mehr als 380 verschiedene Biersorten auf den Markt gebracht.Foto: Emilia Kangasluoma
Sie waren entschlossen, einen schwer fassbaren Geschmack zu meistern: Salmiak, dieses unverwechselbare finnische Salzlakritz, das die Meinungen spaltet wie kaum etwas anderes in der nordischen Küche.
Und offenbar auch die Geschmacksknospen der Juroren kitzelt.
Das Salmiac Licorice Blackcurrant Sour der Brauerei wurde beim Wettbewerb Best Beer in Finland zum besten Bier Finnlands gekürt. Es war das erste Mal, dass ein Sauerbier den Hauptpreis gewann.

CoolHead gab sich nicht damit zufrieden, den Preis für Finnlands bestes Bier zu gewinnen, und legte mit dem „Super Salmiac Double Licorice Triple Blackcurrant“ nach. Dafür braucht man eine Extraportion „Sisu“ (das finnische Wort für eine Mischung aus Mut und Ausdauer).Foto: Emilia Kangasluoma
„Dieser Geschmack hat wirklich die Herzen der Finnen erobert. Es ist eine Liebe, die schon seit Ewigkeiten besteht, seit der Kindheit“, sagt Gonçalves. „Das war wirklich der Grund, warum wir dieses Bier am Anfang so unbedingt brauen wollten.“
Dass ein brasilianischer Brauer den ultimativen finnischen Geschmack perfekt trifft, ist schon eine ganz besondere Geschichte. „Die Tatsache, dass wir eine Sauerbier-Brauerei sind, verdanken wir einem unserer ersten Mitarbeiter“, sagt er. „Allein hätte ich das nicht geschafft. Die Menschen, die hier bei CoolHead arbeiten, sind es, die das Ganze so großartig machen.“
Die Liebe von CoolHead zu Salmiak ist groß – in ihrer Schankstube im Stadtteil Viikki, im Nordosten von Helsinki, servieren sie sogar Eis mit Salmiakgeschmack.
Finnische Beeren in der Flasche

„Wir kopieren nicht die Aromen traditioneller Weinländer, aber wir folgen ihrer Philosophie“, sagt David. Foto: Akindof/Ainoa Winery
Neunzig Kilometer weiter in Hollola verfolgt das Weingut Ainoa Winery einen anderen Ansatz bei der Entwicklung neuer Geschmacksrichtungen. Während CoolHead unermüdlich an der Rezeptur feilt und ständig neue Biersorten auf den Markt bringt, nehmen sich die Ecuadorianerin Paola Guerrero de Cohen und ihr amerikanischer Ehemann David Cohen Jahre Zeit, um jeden Wein zu entwickeln. Sorgfältig und geduldig – ganz nach finnischer Art, könnte man sagen. Oder einfach auf eine weitere finnische Art, Dinge anzugehen.
David war Hobbywinzer, als er 2008 aus beruflichen Gründen hierherzog. Paola folgte ihm. Die Herausforderung? Trauben wachsen in Finnland nicht von Natur aus. Aber etwas anderes schon – und zwar in Hülle und Fülle.

Moltebeeren-Dessertwein, trockener Heidelbeerwein, eine Merlot-Himbeer-Mischung – das Sortiment von Ainoa ist keine typische Weinkarte.Foto: Visit Lahti
Das Weingut Ainoa Winery hat sich auf Beerenweine spezialisiert. Man stelle sich vor: international ausgezeichnete Beerenweine. Beerenweine, die so gut sind, dass sie in Frankreich ausgezeichnet werden. Und das sogar mehrfach.
„Finnland verfügt über eine natürliche Ressource, mit der der Rest der Welt einfach nicht mithalten kann“, sagt David. „Die Leute fragen: Was macht die Beeren so gut? Ist es die Süße? Nein, es liegt an diesen intensiven Aromen.“
Beeren-gut

„Uns ist aufgefallen, dass in Finnland etwas fehlte – überall, wo Wein hergestellt wird, sind die Menschen stolz auf ihre lokalen Weine. Und das haben wir in Finnland nicht gesehen“, sagt David.Foto: Visit Lahti
Im Laufe der Jahre hat sich ihr Kaminsims mit internationalen Auszeichnungen aus so weit entfernten Ländern wie Australien, den USA und Deutschland gefüllt. Und Premieren. Ihr Sametti war der erste in Finnland hergestellte Wein, der bei einem internationalen Wettbewerb eine Goldmedaille gewann – 2016 beim Eastern International Wine Competition in Sonoma, Kalifornien. Vaapukka war 2017 der erste Obstwein weltweit, der in Frankreich eine Trophäe gewann – beim Wettbewerb „Vinalies Internationales“. Seitdem sammeln die Ainoa-Weine weiterhin Auszeichnungen.
Allerdings war nicht jeder großartige Wein geplant. Durch einen Unfall während des Klärvorgangs vermischten sich unerwartet zwei Weine. Beide Chargen waren ruiniert. David war bereit, die ganze Menge wegzuschütten. Paola sagte Nein.

Wildbeeren aus dem finnischen Lappland bilden das Herzstück der Weine von Ainoa. „Je weiter nördlich die Beeren wachsen, desto besser sind die Ergebnisse“, sagt David.Foto: Visit Lahti
„Später probierten wir den Wein noch einmal und dachten: Moment mal, das schmeckt ja richtig gut“, sagt Paola.
Finnische Freunde gaben ihm sofort einen Namen: „Kuningatar“ (Königin), eine klassische Kombination aus Heidelbeere und Himbeere, die das Paar bisher nur aus Eiscreme kannte. Die Kritiker waren derselben Ansicht.
„Sobald wir ihn auf den Markt brachten – einen Monat später – erhielten wir für diesen Wein unsere erste Goldmedaille in Frankreich“, sagt Paola.
Im Frühjahr 2025 war er zudem der erste nordische Wein und der erste Obstwein weltweit, der bei den Vinalies Internationales in Paris eine Grand-Gold-Medaille erhielt. Unterschiedliche Ansätze, gleiche Ergebnisse.
„Für einen Einwanderer ist es schwer, etwas zu tun, womit man dem Land, in dem man lebt, etwas zurückgibt und wirklich zu dessen Entwicklung beiträgt“, sagt David. „Und wir haben das Gefühl, dass wir genau das tun. Finnland hat viele gute Seiten, und wir fügen dem Ganzen noch ein kleines bisschen mehr hinzu.“
Von James O’Sullivan, September 2026