Slush Helsinki

Slush: Start-ups mitbestimmend für Finnlands Zukunft

Die Hightech-Unternehmensbewegung Slush übt in Finnland, aber auch über seine Grenzen hinaus, einen erheblichen Einfluss aus. Und ja, es ist eine Bewegung, nicht nur ein Event: In weniger als einem Jahrzehnt hat sich die Teilnehmerzahl in Helsinki von 300 auf 16.000 erhöht.

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Viele Menschen kennen Slush als High-Tech-Unternehmer-Event, das jeden November in Helsinki stattfindet (30. November – 1. Dezember 2016). Slush-CEO Marianne Vikkula beharrt jedoch darauf, dass es sich hier um keine Veranstaltung handelt, sondern dass Slush eine regelrechte Bewegung darstellt.

Den Anfang machten 300 Teilnehmer, die sich in den dunklen Tagen des Jahres 2008 in Helsinki versammelt hatten, um miteinander über Unternehmertum und Technologie zu diskutieren. Das finnische Winterwetter war nicht der einzige Grund für die Dunkelheit; die globale Finanzkrise war in vollem Schwung und zahlreiche Länder schlitterten in eine tiefe Rezession.

Jene jungen Slush-Teilnehmer, darunter viele Studenten, strebten eine neue Lebensweise an. Sie wollten Unternehmer werden, statt die konventionelle Berufslaufbahn einzuschlagen und für große Unternehmen zu arbeiten. Dieser Grundgedanke besaß und besitzt weiterhin immense Anziehungskraft: Laut den letzten Zählungen nahmen 16.000 Menschen aus aller Welt, darunter Unternehmer, Investoren, Studenten und Medien, am jährlichen Slush Helsinki teil. Darüber hinaus veranstaltet Slush zahlreiche Zusammenkünfte an so fernen Orten wie etwa Singapur, Schanghai und New York.

Eine Kultur des Unternehmertums

Slush organisiert Treffen in vielen verschiedenen Ländern; nicht nur für Business, sondern auch für Spaß ist immer Zeit, wie dieses Saber-Tag-Match auf dem Slush-Event Singapur zeigt.Foto: Melvin/Slush

„Die größte Wirkkraft hatten wir definitiv auf die Kultur“, sagt Vikkula. „Schauen Sie sich nur an, wie die Medien jetzt Unternehmertum beurteilen. Noch drastischer ist der Wandel bei der Jugend. Ihr Ziel ist es mittlerweile, eine eigene Firma zu betreiben.“

Pekka Ilmakunnas, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Aalto-Universität, ist der gleichen Meinung. Er findet es gut, dass sowohl die finnische Regierung als auch Bürgerinitiativen Firmengründungen unterstützen. Veränderungen gingen jedoch langsam vonstatten, und man könne keine Wunder erwarten.

„Slush und andere Bemühungen zur Förderung von Unternehmertum resultieren in Start-ups, von denen viele aber kurzlebig sind“, sagt Ilmakunnas. „Von denjenigen, die überleben, verzeichnen nur wenige ein rasches Wachstum und werden damit nennenswerte Arbeitgeber. Es ist wichtig, dass wir Start-ups haben, aber wir können nicht darauf hoffen, dass sie unser Arbeitslosenproblem schnell lösen.“

Kapital, Talent und gute Ausbildung

Auf dem Slush-Treffen schweben tolle Ideen im Raum; sie tauchen über den Köpfen der Leute auf wie die Birnen in einem Kartoon.Foto: Jussi Hellsten

„Im Verhältnis zum BIP in Europa verzeichnet Finnland derzeit die höchste Rate von Risikokapitalinvestitionen für Unternehmen in der Frühphase“, sagt Vikkula. „Zahlreiche dieser Deals kamen im Rahmen von Slush zustande. In den Jahren 2013 bis 2015 erbrachten die Investorentreffen auf Slush-Events mehr als 500 Millionen Euro an Finanzierung für Start-up-Unternehmen. Davon erhielten finnische Unternehmen rund 200 Millionen Euro.“

Slush habe seinen Wert, Risikokapital anzuziehen, unter Beweis gestellt, fügt Vikkula hinzu, doch nun müsse es sich weiteren Herausforderungen stellen. So sei ein großes Problem, die besten Talente dazu zu kriegen, in Start-ups zu arbeiten. Slush wolle, stellt sie fest, sowohl junge Finnen fördern, was ihre Ausbildung betrifft, als auch qualifizierte Einwanderer animieren, in Finnland zu arbeiten.

Ilmakunnas betont, dass eine Vielfalt von Maßnahmen ergriffen werden müsse, um in Zukunft eine robuste Konjunktur in der finnischen Wirtschaft herbeizuführen.

„Es gibt ausländische Firmen, die in Finnland tätig sind“, sagt Ilmakunnas. „Aber auf lange Sicht ist es auch wichtig, neue einheimische Unternehmen zu haben, die wachsen und die Beschäftigung ausbauen. Im Zeitablauf sind Forschung und gute Ausbildung die Faktoren, die zur Wettbewerbsfähigkeit führen.“

Nokia könnte nach wie vor für Überraschungen sorgen

Der Versuch zu sehen, was die Zukunft bereit hält: Vor dem Nokia-Stand (sichtbar im Hintergrund) testet eine Slush-Teilnehmerin ein Samsung-Produkt.Foto: Jussi Ratilainen

Bewegungen wie Slush üben im Laufe der Zeit ihre eigene Breitenwirkung auf die Wirtschaft aus, aber Slush bleibt darüber hinaus auch auf der Ebene der einzelnen Unternehmen äußerst wichtig. Es ist ein großes Forum für sie geworden, um neue Produkte vorzustellen. Solche bedeutsame Firmenansagen erfolgten von kleinen Startups, aber auch großen Konzernen. 2016 richten alle ihr Augenmerk auf Nokia.

Nokia kündigte 2014 im Rahmen von Slush mit dem N1-Tablet seine Rückkehr in die Unterhaltungselektronik an. Jetzt steigt es mittels eines Lizenzgeschäfts mit dem finnischen Unternehmen HMD Global wieder in den Handy-Markt ein. Weithin wird spekuliert, dass Nokia auf dem Slush-Event 2016 seine neuen Smartphones und Tablets enthüllen wird. Tausende von angehenden Unternehmern werden sich sehr gerne etwas über neue Unternehmen und Ideen anhören. Sie werden aber auch gespannt sein, zu erfahren, mit welchen glänzenden Innovationen ihr alter Favorit Nokia aufwartet.

Von David J. Cord, November 2016

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