Imposante Elche in Nahdistanz

Wir besuchen einen finnischen Gutshof, auf dem man Elche streicheln und füttern und auch erlesene Elchgerichte speisen kann.

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Ein Elchhirsch bietet mit seinem prächtigen Geweih einen beeindruckenden Anblick. Hirvikartano ist der erste und bisher einzige Gutshof in Finnland, der sich auf Elche zu touristischen Zwecken spezialisiert hat. Auf dem Gutshof können die Besucher Elche beobachten, füttern und sogar streicheln. Hier werden auch auserlesene Speisen, einschlieβlich Elchfleisch, mit lokalen Zutaten serviert.

Im Gehege des Guts schwenkt Elchhirsch Jorma stolz sein mächtiges Geweih. Der Elch nähert sich uns in gemächlichen Schritten, um die verlockenden Laubzweige zu probieren. Elchkuh Annikki ist etwas zurückhaltender. Sie unternimmt einen Scheinangriff, bevor sie ihr langbeiniges Elchkalb Suvi in eine geschützte Ecke des Geheges leitet.

“Unsere drei erwachsenen Elche haben wir von Zoos erhalten, denn das Gefangenhalten von Wildtieren ist in Finnland untersagt. Unsere Elchkälber Laila und Suvi wurden hier geboren”, erläutert Susanna Partio. Im Jahre 2008 gründete Susanna das Elchgut auf einem alten Bauerngehöft im mittelfinnischen Jämsä.

Der von Susanna geführte Gutshof ist ein Familienunternehmen. Während sich die erfahrene Chefin um das Restaurant kümmert, versorgt Sohn Paavo die Elche und zeigt Besuchern das Elchgut.

Individuelle Charaktere

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Der groβe brave Matti-Esko ist gewöhnt, im Mittelpunkt zu stehen. Foto: Fran Weaver

Ein Elch benötigt täglich rund 40 Kilo Futter. “Um Grünfutter für die Tiere zu bekommen, begannen wir, das Weidendickicht in der Umgebung zu lichten. So gewannen wir die Eigentümer der Ländereien zu Freunden”, berichtet Susanna. “Manchmal füttern wir die Elche auch mit Äpfeln, Kartoffeln oder Heu. Natürliches Futter der jeweiligen Saison gewährleistet, dass die Tiere gesund bleiben.”

Elche gewöhnen sich ziemlich leicht an Menschen. Ihr Konzentrationsvermögen ist jedoch nicht sehr ausgeprägt. Das macht es praktisch unmöglich, sie für irgendeine nützliche Tätigkeit zu schulen. “Das Bewachen der Elche ist nicht besonders anstrengend – auβer im Oktober, der Brunftzeit. Dann vergessen die Elchhirsche sogar das Essen, weil sie nur eine Sache im Kopf haben”, sagt Paavo schmunzelnd.

Die Partios hängen sichtlich an ihren ungewöhnlichen Lieblingen. Es liegt ihnen sehr daran, ihre ausgeprägte Persönlichkeit den Besuchern zu erläutern. “Unser ältester Elch Matti-Esko war vor ein paar Jahren ausgerissen. Er wusste dann aber wirklich nicht, wie er sich im Wald unter wilden Elchen verhalten sollte. Als er letztlich müde und abgemagert wieder heimkehrte, leckte er vor lauter Freude mein ganzes Gesicht ab”, erinnert sich Susanna.

Elch `a la carte

Das Elchgut ist ein beliebtes Ausflugsziel für Winterurlauber aus dem nahe gelegenen Wintersportzentrum Himos, darunter viele russische, dänische und deutsche Besucher. Im Sommer sind der gröβte Teil der Gäste finnische oder russische Touristen. “Die Möglichkeit, Elche auf Nahdistanz beobachten zu können, ist die Hauptattraktion, aber fast jeder Gast besucht auch unser Restaurant”, berichtet Susanna.

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Die Menükarte des Elchguts enthält Elchfleisch, das von örtlichen Jägern geliefert wird. Foto: Hirvikartano

Die eigene Küche bietet traditionelle finnische Kost: Pilze aus den umliegenden Wäldern, Wildbeeren, Waldkräuter, Süβwasserfisch und Elchfleisch. Im Herbst liefern örtliche Jäger frisches Elchfleisch. Zur Deckung des Bedarfs im übrigen Jahr wird Elchfleisch eingefroren. “Unsere eigenen Elche werden niemals für den Fleischverkauf geschlachtet”, betont Susanna. “Dennoch sind wir der Meinung, dass das Essen von Elchfleisch nichts Unnatürliches ist. Die Leute sollen verstehen, woher ihr Essen kommt.”

Nach dem Genuss von geschmortem Elchfleisch, in Butter geschwenkten Kartoffeln mit Preiselbeersoβe und Gewürzgurken geht es hinaus zum Gehege, wo eine junge Finnin die Schnauze ihres neuen Freunds liebevoll streichelt. “Matti-Esko ist mein Lieblingselch”, meint Elchfan Anni begeistert. “Er ist so riesig, aber ganz lieb. Sein Geweih mit dem flauschigen, warmen Haarkleid fühlt sich irgendwie drollig an.”

Wilder Elch auf freiem Fuβ

Achtung Elch! Elche können Verkehrsunfälle verursachen.

Achtung Elch! Elche können Verkehrsunfälle verursachen.Foto: Fran Weaver

Nach Untersuchungen des Finnischen Wild- und Fischerei-Instituts gab es Ende 2010 in Finnland rund 100.000 Elche. Schätzungen zufolge wurden im Frühjahr 2011 rund 60.000 Elchkälber geboren.

Wölfe und andere Raubtiere sind in Finnland selten. Die Elchpopulation wird gezielt durch reguliertes Jagen begrenzt. Die kontrollierte Jagd sorgt dafür, die Zahl der Verkehrsunfälle und die von Elchen verursachten Forstwirtschaftsschäden zu verringern.

• Im Herbst 2011 wurden Jagdgenehmigungen für rund 60.000 Elche erteilt (Die Elchjagdsaison begann am 24. September.)

In Finnland gibt es rund 310.000 registrierte Jäger. Rund 100.000 Finnen nehmen an Elchjagden teil, die von gut organisierten Gruppen der örtlichen Jagdvereine durchgeführt werden.

 

Von Fran Weaver, September 2011

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