Schule in Finnland

Erfolgsschlüssel einer Nation

Informieren Sie sich über die Stärken und Highlights des international renommierten, preisgekrönten, finnischen Bildungssystems.

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Von Salla Korpela

Mai 2012

Bestnoten für Bildung: Das finnische Sprach- und Literaturlehrbuch ist nach dem berühmten Autor, Aleksis Kivi (1834-1872), benannt.

Bestnoten für Bildung: Das finnische Sprach- und Literaturlehrbuch ist nach dem berühmten Autor, Aleksis Kivi (1834-1872), benannt.Foto: Lehtikuva

Der wiederholte Erfolg finnischer Schüler bei der PISA-Studie der OECD, in der die Lernergebnisse 15-Jähriger bewertet werden, hat viel internationale Aufmerksamkeit erlangt.

Kostenfreie, erstklassige Ausbildung für alle

Eine der wichtigsten Stärken des finnischen Schulsystems besteht darin, dass es jedem Schüler unabhängig von sozialer Herkunft und Vermögensverhältnissen gleiche Bildungschancen garantiert. Statt Leistungskonkurrenz und Schülervergleich liegt der Schwerpunkt im Grundunterricht auf individueller Förderung und Anleitung des Schülers.

In Finnland ist der Lehrerberuf geschätzt. Das Lehrerstudium ist eine gefragte Studienrichtung. Lehrer absolvieren eine universitäre Ausbildung, die zum Magisterabschluss führt. Der Abschluss beinhaltet neben den Haupt- und Nebenfachstudien auch pädagogische Studien.

In den ersten sechs Jahren der Gemeinschaftsschule unterrichten Klassenlehrer entweder alle oder die meisten Fächer, wodurch das Gefühlsleben der jungen Schüler unterstützt und ihnen ein Gefühl der Sicherheit vermittelt wird.

Der Klassenlehrer sorgt sich auch um die Atmosphäre in der Klasse und achtet darauf, dass niemand ausgegrenzt oder gemobbt wird. Erst im fünften Schuljahr werden die Leistungen der Schüler benotet. In allen Klassenstufen ist das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern locker und herzlich. Die Motivierung der Schüler beruht auf Anspornen und Ermuntern.

In finnischen Schulen werden die Schüler zu selbständiger Wissensaneignung, selbständigem Denken und Arbeiten ermuntert.Kostenfreie, erstklassige Ausbildung für alle

Nach der Gemeinschaftsschule hat jeder Jugendliche die Möglichkeit je nach seinen Fähigkeiten, Interessen und Neigungen die allgemeinbildende Ausbildung an der gymnasialen Oberstufe fortzusetzen oder einen Platz in der berufsqualifizierenden Ausbildung anzustreben. Jedem Finnen bietet sich die Chance zu lebenslangem Lernen.

In Finnland ist Bildung vom Vorschulunterricht bis zur höheren akademischen Ausbildung kostenfrei. Die aus Steuermitteln finanzierte Bildung garantiert ein hohes Niveau der Ausbildung und Chancengleichheit für alle.

Finnische Jugendliche im Spitzenfeld der PISA-Studien:

Finnlands Platzierungen

2009

2006

2003

2000

Lesekompetenz 
OECD-Länder 2 2 1 1
Alle Teilnehmer 3 2 1 1
Mathematische Kompetenz
OECD-Länder 2 1 1 4
Alle Teilnehmer 6 2 2 4
Naturwissenschaftliche Grundbildung
OECD-Länder 1 1 1 3
Alle Teilnehmer 2 1 1 3
Problemlösungskompetenz
OECD-Länder 2
Alle Teilnehmer 2

 

Seit dem Jahre 2000 wird alle drei Jahre in der PISA-Studie der OECD die Kompetenz 15-jähriger Schüler in den Bereichen Mathematik, naturwissenschaftliche Grundbildung und Lesefertigkeit verglichen. Finnische Jugendliche belegten in allen PISA-Studien Spitzenplätze. Besonders auffallend sind die geringen Leistungsdifferenzen zwischen finnischen Schülern und das ausgewogen gute Kenntnisniveau an allen Schulen.

“Die Stärke eines kleinen Volkes beruht auf seiner Bildung”*

*Zitat von J.V. Snellmann (1806-1881), Philosoph, Lehrer, Journalist und Politiker. Snellmann
spielte eine herausragende Rolle bei der Herausbildung der finnischen nationalen Identität.

In Finnland beginnt die Schule relativ spät im Alter von sieben Jahren. Zum finnischen Erziehungsdenken gehört, dass die Kinder in Ruhe sich entwickeln und heranwachsen sollen.

In Finnland beginnt die Schule relativ spät im Alter von sieben Jahren. Zum finnischen Erziehungsdenken gehört, dass die Kinder in Ruhe sich entwickeln und heranwachsen sollen. Foto: Amanda Soila

In der heutigen Welt beruht der Erfolg eines Landes auf einem möglichst hohen Bildungsniveau seiner Bürger. Der Aufstieg Finnlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in die Gruppe der reichsten Länder der Welt basierte vor allem auf festem Willen und konkreten Anstrengungen, das allgemeine Bildungsniveau des gesamten Volkes anzuheben.

Die heutigen Erfolge unseres Bildungssystems sind auch ein Resultat wichtiger bereits im 19. Jahrhundert getroffener Entscheidungen. Das an Naturschätzen arme Finnland entschied sich, in die Bildung des gesamten Volkes zu investieren. Die Teilung der Gesellschaft in eine gebildete Elite und ein ungebildetes Volk wurde dadurch vermieden. Auch der allgemeine Bildungsoptimismus wirkte sich positiv auf den Lerneifer der Bürger aus. Die Grundannahme war, dass der Mensch über die Dinge und die Gesellschaft breite Kenntnisse besitzt.

Die Lösung schwieriger globaler Probleme gelingt nur durch Bildung

Die Lösung der globalen Probleme – Klimawandel, globale Wirtschaftsschwankungen, Alterung der Bevölkerung, Risiken neuer Technologien, Pandemien und groβe Migrationsbewegungen – verlangt neuartige Aktivitäten zahlreicher unterschiedlicher Akteure und die Veränderung eingefahrener Denkmuster. Wachsende Informationsflut und Mobilität der Bevölkerung stellen traditionelle Schulsysteme in Finnland und überall auf der Welt vor neue Herausforderungen. Auch das beste Schulsystem muss sich weiterentwickeln und erneuern, um erfolgreich zu bleiben. Je besser ein Volk gebildet ist, desto besser sind seine Voraussetzungen, die komplizierten Herausforderungen der heutigen Welt zu bewältigen.

Bildung ist Eckpfeiler der Demokratie und der modernen Gesellschaft

– Das hohe Niveau des finnischen Schulwesens beruht auf einem klaren nationalen Ethos, wonach die Menschen die wichtigste Ressource der Nation sind. Der Mensch hat Anrecht auf erstklassige Bildung, unterstreicht Jorma Kauppinen, Direktor für allgemeinbildende Bildung im Zentralamt für Unterrichtswesen.

Die Schultage sind in Finnland kürzer als in den meisten OECD-Ländern, aber die Unterrichtsarbeit ist effektiv.Photo: Ministerium für Bildung und Kultur/Liisa Takala

Vom Budget des finnischen Staates und der Gemeinden werden 11 bis12 Prozent für Bildung aufgewendet. Finanziert werden damit kostenfreie Vorschule, Gemeinschaftsschule, gymnasiale Oberstufe, berufliche Bildung, Universitätsbildung, Qualifizierung und Fortbildung sowie freie Bildungsarbeit. So entsteht ein lebenslanger Bildungspfad, der jedem in Finnland lebenden Bürger dient.

– Der Aufbau des finnischen Volksschulwesens war eng mit dem starken Erwachen des nationalen Bewusstseins verbunden: Die Nation brauchte lesekundige, aufgeklärte Bürger und eine Schriftkultur, erläutert Kauppinen.

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in den meisten Gemeinden Volksschulen. Im Jahre 1921 wurde das Gesetz über die allgemeine Lernpflicht verabschiedet. Laut Gesetz war jedes Kind verpflichtet, mindestens die sechsjährige Volksschule zu absolvieren.

In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erfuhr das finnische Schulwesen bedeutende Veränderungen. Volksschule und Gymnasien wurden von der 9-jährigen kommunalen Gemeinschaftsschule abgelöst. Zugleich wurde die allgemeine Lernpflicht auf neun Jahre verlängert. Ziel der Gemeinschaftsschul reform war, jedem Kind unabhängig von Wohnort und Einkommenslage der Familie eine chancengerechte, kostenfreie, grundlegende Schulbildung zu garantieren.

Spiel und Fürsorge bereiten auf Schule vor

In Finnland beginnt der eigentliche Schulbildungsweg relativ spät im Alter von sieben Jahren. Zum finnischen Erziehungsdenken gehört, dass die Kinder in Ruhe heranwachsen sollen. Beim Lernen werden die Sensibilisierungsphasen des Kindes genutzt. Das Kind wird zu selbständigem Denken und kreativem Handeln ermuntert. In den ersten Schuljahren werden die Eltern schriftlich über die schulischen Fortschritte des Kindes informiert.

In den frühen Kindheitsjahren dürfen die Kinder die Fürsorge der Eltern genieβen und das Agieren in der Gruppe in Form von Spielen, sportlichen Aktivitäten sowie Bewegen im Freien üben. Eltern mit Kleinkindern haben Anrecht auf lange Mutterschafts- und Pflegeurlaube. Die Familien haben die Wahl zwischen der Betreuung in einer kommunalen oder privaten Kindertagesstätte oder in Kleingruppen bei einer Tagesmutter. Schulen oder Kindertagesstätten veranstalten für 6-Jährige kostenfreien Vorschulunterricht, der nicht obligatorisch ist, aber von fast allen Kindern wahrgenommen wird.

Bei Bedarf wird das Kind einem schulischen Reifetest unterzogen und die Einschulung kann ein Jahr später oder früher erfolgen.

Nahe Schule-Prinzip und Kultur des Vertrauens schaffen erstklassige Schulen

In Finnland gibt es rund 3000 Gemeinschaftsschulen mit rund 550.000 Schülern. Die Organisation der Schulbildung obligt fast ausschlieβlich den Gemeinden. Eine der wichtigsten Aussagen der PISA-Studie ist, dass Finnland zu jenen Ländern mit den geringsten Niveauunterschieden zwischen Schulen gehört.

– Das liegt am hohen Bildungsniveau der Lehrer, an der Kultur des Vertrauens und dem Nahe Schule-Prinzip, resümiert Direktor Kauppinen.

Das Prinzip der nahen Schule bedeutet, dass der Unterricht für fast alle Kinder und Jugendlichen in der Nähe ihrer Wohnungen veranstaltet werden muss. Damit soll eine Ausdifferenzierung der Schulen nach der sozialen Stellung der Familien vermieden werden. Dem durchweg hohen Niveau der Schulen wird vertraut und Eltern sind allgemein mit den Schulen in ihrer nahen Umgebung zufrieden. Private Eliteschulen sind daher nicht entstanden. Es gibt genehmigungspflichtige, staatlich gestützte Privatschulen, die die nationalen Rahmenlehrpläne befolgen und verpflichtet sind, alle Schüler ihres Schulkreises aufzunehmen.

Die Schüler im grundlegenden Unterricht haben Anrecht auf einen kostenfreien Schultransport, sofern sie Schwierigkeiten haben, zu Fuβ oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule zu gelangen.

Lehrer haben methodische Freiheit im Unterricht

Die Lehrerausbildung beinhaltet die Vermittlung pädagogischer Fertigkeiten sowie solider Fachunterrichtskenntnisse. Lehrpläne und Ziele sind zwar landesweit einheitlich, aber in der Klasse besitzt der Lehrer ein hohes Maβ an Selbständigkeit bei der Wahl der Unterrichtsmethoden.

Bei Bedarf erhalten Schüler Unterstützung und Anleitung in Kleingruppen.Foto: Amanda Soila

– Die Macht ist an die Gemeinden, Schulen und letztlich die einzelnen Lehrer delegiert. Alle Ebenen des Unterrichtswesens wirken im offenen Dialog aufeinander. Eine Kultur des Vertrauens entsteht aus folgender Überlegung: Der Lehrer ist ein selbständig agierender Spezialist, der die individuellen Bedürfnisse und Möglichkeiten seiner Schüler kennt, aber zugleich die gemeinsamen Ziele beachtet, erläutert Kauppinen.

Hochwertige Unterrichtsmaterialien sind für die praktische schulische Arbeit eine wichtige Bedingung. Ungeachtet des kleinen finnischen Sprachgebiets und der noch kleineren schwedischsprachigen Minderheit wird auf hochwertige Schulbücher und Unterrichtsmaterialien groβer Wert gelegt. Immer mehr Unterrichtsmaterial ist elektronisch verfügbar oder im Internet abrufbar.

Nach Ansicht von Kauppinen besteht die künftige Herausforderung des Schulwesens in der Entwicklung der Zusammenarbeit von Elternhaus und Schule sowie des Dialogs zwischen Schule und Gesellschaft.

Hohes Bildungsniveau der Lehrer garantiert hohes Unterrichtsniveau

Gemeinschaftsschullehrer mit unbefristeter Stelle haben einen höheren Hochschulabschluss absolviert. In den ersten sechs Jahren der Gemeinschaftsschule werden die Schüler vom Klassenlehrer unterrichtet. Der Klassenlehrer besitzt einen Magisterabschluss im Hauptfach Pädagogik. In den letzten drei Jahren der Gemeinschaftsschule und in der gymnasialen Oberstufe übernehmen Fachlehrer den Unterricht. Das Fachlehrerstudium umfasst neben Haupt- und Nebenfachstudien auch Pädagogik und wird mit einem höheren Hochschulgrad abgeschlossen.

Auch Lehrer in Kindertagesstätten und im Vorschulunterricht absolvieren eine höhere Hochschulausbildung.

Die Lehrerausbildung ist sehr beliebt. Die Studienrichtung wird ungeachtet des relativ niedrigen Lohnnivaus sehr geschätzt. Nur ein Fünftel der Bewerber kann jährlich in die Lehrerausbildung aufgenommen werden.

Lebenslanges Lernen

Schüler der Unterstufe erholen sich in der Pause drauβen, wobei Wind und Wetter kein Hindernis sind.

Schüler der Unterstufe erholen sich in der Pause drauβen, wobei Wind und Wetter kein Hindernis sind.Foto: Amanda Soila

Finnischen Bürgern wird kostenfreie Bildung vom Vorschulunterricht bis zur höheren akademischen Bildung während ihres gesamten Lebens angeboten.

Finnische Kinder und Jugendliche absolvieren ihre Lernpflicht in der Gemeinschaftsschule. Die Lernpflicht endet mit Abschluss der neunjährigen Gemeinschaftsschule oder mit Vollendung des 16. Lebensjahres.

Etwa die Hälfte der jeweiligen Jahrgänge (60 Prozent der Mädchen und 40 Prozent der Jungen) besucht nach der Gemeinschaftsschule die gymnasiale Oberstufe. Sie dauert im Schnitt 2 bis 4 Jahre. Der Abschluss ist eine landesweite einheitliche Reifeprüfung.

Für die berufliche Grundausbildung entscheiden sich fast alle, die nicht auf die gymnasiale Oberstufe gehen. Nur rund fünf Prozent beenden den Schulbesuch nach der Gemeinschaftsschule. Ziel ist jedoch, dass jeder Jugendliche nach der Gemeinschaftsschule entweder das Abitur oder einen beruflichen Erstabschluss erlangt.

Nach dem Abitur können sich die Studenten an Hochschulen oder Berufshochschulen bewerben. Bei der Auswahl der Studenten werden gewöhnlich die Ergebnisse der Reifeprüfung und/oder die Noten des Abiturzeugnisses berücksichtigt. Viele Bereiche führen auβerdem Aufnahmeprüfungen durch. Auch eine mindestens dreijährige Berufsausbildung oder ein gleichwertiger Abschluss berechtigen zu einer Bewerbung an einer Hochschule. Prinzip ist ein Bildungspfad ohne Sackgassen. Auch über die berufsqualifizierende Erstausbildung kann man in die höhere akademische Ausbildung gelangen.

Finnen mit abgeschlossener Berufsausbildung und Arbeitserfahrung können sich in ihrem Beruf weiterbilden oder einen völlig neuen Beruf erlernen. In vielen Bereichen sind diese Studien neben der Arbeit im Rahmen eines Lehrvertrags möglich. Darüber hinaus kann die Ausbildung auch in Form einer sog. Demonstrationsprüfung absolviert werden.

Staat und Gemeinden unterstützen in breitem Maβe die hobbyorientierte, künstlerische, grundlegende Bildung der Kinder und Jugendlichen sowie freie Kulturarbeit. Jedem Bürger werden altersunabhängig allgemeinbildende, hobbyorientierte und gesellschaftliche Studien angeboten.

Positiver Dialog unterstützt das Heranwachsen als Mensch

Der normale Schultag beginnt 8.30 Uhr und endet spätestens 15.30 Uhr.

Der normale Schultag beginnt 8.30 Uhr und endet spätestens 15.30 Uhr.Foto: Ministerium für Bildung und Kultur/Liisa Takala

In der Oberstufen-Gemeinschaftsschule Meilahti in West-Helsinki beginnt ein normaler Schultag. Schüler eilen zu ihren Gepäckfächern und in die Klassen. Rektorin Riitta Erkinjuntti sitzt in ihrem Arbeitszimmer. Die Tür zur Hauptaula ist geöffnet. Viele Schüler rufen der Rektorin ein fröhliches “Hei!” zu.

– Ist die Tür offen, können Lehrer und Schüler zu mir kommen. Und ich habe die Tür fast immer geöffnet, sagt Erkinjuntti.

Wie allgemein an finnischen Schulen herrscht auch an dieser Schule eine lockere, tolerante Atmosphäre. Lehrer und Schüler verhalten sich respektvoll zueinander. Der Umgang ist jedoch natürlich und unkompliziert. Die Schüler duzen die Lehrer und im Unterricht wird viel Wert auf Diskutieren gelegt.

Rektorin Riitta Erkinjuntti, Oberstufen- Gemeinschaftsschule Meilahti.Foto: Amanda Soila

– Der Unterricht basiert auf Ermuntern, Beteiligung und Dialog. Es wird hart gearbeitet, aber ohne Druck, Drohungen und Forderungen, erläutert Erkinjuntti.

Erkinjuntti leitet eine der Oberstufen-Gemeinschaftsschulen im Stadtteil Meilahti in West-Helsinki. Die Schule besuchen rund 350 Schüler der siebten bis neunten Klasse. Die Schüler sind 13 bis 16 Jahre alt. Neben den normalen Oberstufenklassen gibt es Klassen mit den Schwerpunkten bildende Kunst und Musik, eine zweisprachige Finnisch-Chinesisch-Lerngruppe sowie eine sog. Sprachbadklasse, in der finnischsprachige Schüler einen Teil des Unterrichts in Schwedisch erhalten und so die zweite offizielle Landessprache im natürlichen Umgang erlernen. Für Kinder aus Migrantenfamilien gibt es eine vorbereitende Spezialklasse. Schüler mit geringfügigen Entwicklungsproblemen werden in einer Spezialklasse individuell unterrichtet. Die Spezialklassen nehmen auch Schüler aus weiter entfernt liegenden Gegenden auf.

– Es liegt im Interesse der Schüler, dass sie in ihrem eigenen Lernumfeld auf Schüler aus anderen Kulturen und mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Anlagen treffen, sagt Erkinjuntti. Diese Linie ist üblich an finnischen Schulen.

Der normale Schultag beginnt 8.30 Uhr und endet spätestens 15.30 Uhr. Der Lehrplan der Oberstufe beinhaltet reichlich Unterricht in Mathematik, Muttersprache, mindestens zwei Fremdsprachen, Realfächer und Kunstfächer. Für Sport sind pro Woche zwei Stunden vorgesehen.

Schüler mit Lernschwierigkeiten erhalten besondere Unterstützung

Eine besondere Stärke der finnischen Schule besteht auch laut internationalen Evaluierungen in der Art und Weise, wie Schüler mit Lernschwierigkeiten unterstützt und gefördert werden. Jeder Schüler muss nach Abschluss der Gemeinschaftsschule Lesen, Schreiben und Rechnen sowie weiterere allgemeinbildende Grundfertigkeiten auf angemessenem Niveau beherrschen. Jedes Kind und jeder Jugendliche hat unabhängig von persönlichen Voraussetzungen oder Behinderungen ein Anrecht auf anspruchsvollen Unterricht.

Schüler haben umgehend Anspruch auf besondere Unterstützung, wenn die Notwendigkeit dafür besteht. Förderunterricht in Kleingruppen, individuelle Betreuung und den individuellen Voraussetzungen angepasster Unterricht sind übliche Unterstützungsformen, die auch im Rahmen der normalen Klasse stattfinden. An den meisten Schulen arbeiten Speziallehrer und in fast allen Schulen gibt es Schulassistenten, die sich um die Schüler mit Unterstützungsbedarf kümmern. Schüler mit anhaltenden gröβeren Lernschwierigkeiten erhalten persönliche Studienpläne. Schüler mit leichten oder mittelschweren Lernschwierigkeiten lernen in den gleichen Schulen und Klassen wie die übrigen Schüler. Diese Schulen erhalten jedoch zusätzliche Mittel.

Entwicklungsbehinderte Kinder, Kinder mit Bewegungsbinderungen oder Behinderungen der Sinnesorgane sowie Kinder mit anderen gesundheitlichen oder psychischen Problemen lernen in Sonderklassen oder –schulen. Die Lernpflicht beträgt bei einem Teil dieser Schüler 11 Jahre.

Der Schulbesuch von Kindern aus Migrantenfamilien wird in vielfältiger Weise unterstützt. Migrantenkinder mit geringen oder fehlenden Finnisch- oder Schwedischkenntnissen erhalten vorbereitenden Unterricht in Kleingruppen. Das Lernpensum wird mit dem Erlernen der finnischen Sprache abgestimmt. In den gröβten Städten wird den Migrantenkindern Unterricht in ihrer eigenen Muttersprache angeboten.

Kunstfächer entwickeln die Persönlichkeit

Schüler und Lehrer der Schule in Meilahti motiviert eine enge Zusammenarbeit u.a. mit Kunsteinrichtungen, Sportvereinen und der Gemeinde. Verschiedene Entwicklungsprojekte sorgen dafür, dass Schüler und Lehrer zum Beispiel auf dem Gebiet der Informationstechnik auf dem neuesten Stand sind. Die Oberstufen- Gemeinschaftsschule kann gute Lernresultate vorweisen. Einmal wurde die Schule für die Teilnahme an der PISA-Studie ausgelost.

– Unser Schulsystem gewährleistet, dass sich die Schulen nicht ständig gegenseitig Konkurrenz machen. Wir können uns darauf konzentrieren, die Schüler ausgehend von ihren individuellen Voraussetzungen zu unterstützen, unterstreicht Erkinjuntti.

In dieser Hinsicht sind Kunsterziehung sowie Hand- und Hausarbeitsfächer besonders wichtig.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Verhältnis der Schüler untereinander und der positiven Schulatmosphäre.Foto: Ministerium für Bildung und Kultur/Liisa Takala

– Ausdrucksfächer unterstützen die Herausbildung einer ausgewogenen Persönlichkeit. Die Möglichkeit, sich in Spezialklassen in diesen Fächern vertieftes Wissen anzueignen, verbessert die Motivation der Schüler und bietet ihnen zusätzliche Herausforderungen.

Rektorin Riitta Erkinjuntti ist der Ansicht, dass der Erfolg der finnischen Schule vor allem aus den Werten und dem Menschenbild der Schulgemeinschaft resultiert. Wissen und Können vermehren sich leichter, wenn der Jugendliche spürt, dass er akzeptiert, respektiert und ihm Vertrauen entgegengebracht wird. Bei Mobbing oder anderen Erscheinungen, die das Wohlbefinden beeinträchtigen, wird sofort eingegriffen.

Zu den wichtigsten Problemen zählt die Rektorin, dass die Eltern in groβer Hektik leben, Jugendliche sich aber danach sehnen, dass die Erwachsenen für sie da sind. Kinder sollen in Ruhe ihre Kindheit ausleben, aber die heutige Gesellschaft gewährt ihnen nicht immer diese Möglichkeit. Selbständigkeit und Ausdauer werden bereits in einer frühen Entwicklungsphase gefordert. Eine weiteres Problem ist die Informationsflut.

– Auch in der Schule leben wir in einer Welt unbegrenzter Informationen. Wie wird künftig definiert, worauf sich die Schule konzentrieren sollte? Was ist ausreichend?, fragt Erkinjuntti.

Wohlergehen der Schüler im Mittelpunkt

In jeder Schule gibt es eine Schülerfürsorgegruppe und Dienstleistungen der schulischen Gesundheitsfürsorge. Unter Schülerfürsorge ist die Verantwortung der Schule für das soziale, psychische und physische Wohlergehen der Schüler zu verstehen. Die Schülerfürsorge wird aktiv, wenn zum Beispiel ein Schüler vom Unterricht unerlaubt fernbleibt, sich wiederholt verspätet, von der Klasse ausgegrenzt wird, Drogenprobleme hat oder unter einer instabilen Familiensituation leidet. Die Mitarbeiter der Schule haben das Recht und die Pflicht, die Probleme gemeinsam mit den Eltern zu klären, bei Bedarf Sozial- und Gesundheitsdienstleistungen zu nutzen oder den Kinderschutz einzuschalten.

Die Gesundheitsfürsorge der Schule organisiert regelmäβige Gesundheits- und Zahnkontrollen und überweist Schüler bei Bedarf zu weiteren Untersuchungen an kommunale Gesundheitseinrichtungen. Die schulische Gesundheitsfürsorge ist kostenlos.

“Optimal ist Atmosphäre, die zu Aktivität anregt”

Oona Niemelä (Mitte) mit Klassenkameraden beim Abziehen von Grafikblättern.

Oona Niemelä (Mitte) mit Klassenkameraden beim Abziehen von Grafikblättern.Foto: Amanda Soila

Ein Schultag von Oona Niemelä, Schülerin der 9. Klasse

Der Wecker von Oona Niemelä klingelt kurz vor sieben. Die 15-Jährige frühstückt gemeinsam mit ihrer Familie. Dann startet Oona zum Bus, der sie in knapp einer halben Stunde zur Schule bringt. Oona ist Schülerin der neunten Klasse mit Schwerpunkt Kunst an der Oberstufen-Gemeinschaftsschule Meilahti.

Obwohl die Schule nicht in der Nähe ihres Zuhauses liegt, bewarb sich Oona gerade in Meilahti, weil hier eine Profilklasse mit Schwerpunkt Kunst angeboten wird.

– In der Eignungsprüfung wurden Arbeiten mit Bleistift und Wasserfarben verlangt. Ich war ganz schön aufgeregt, aber zum Glück hat es geklappt, meint Oona zufrieden. Das Beste an der Schule Meilahti ist die prima Atmosphäre, die zu Aktivität anregt. Und Mobbing braucht man hier nicht zu fürchten, erzählt Oona.

Neben Kunst zählen Sprachen zu Oonas Lieblingsfächern. Physik und Religion mag sie weniger.

– Für Hausaufgaben brauche ich täglich im Schnitt eineinhalb Stunden, vor Prüfungen noch mehr. Meine Eltern brauchen mir normalerweise nicht zu helfen.

Der Schultag dauert 5 bis 7 Stunden. Der Unterricht wird vormittags und nachmittags durch jeweils 15-minütige Pausen und eine halbstündige Mittagspause unterbrochen. Bei schönem Wetter verbringen die Schüler die Pausen auf dem Schulhof.

Nach der Schule geht Oona ihren Hobbys nach. Sie lernt Klavierspielen an der Musikschule und geht einmal wöchentlich zum Reiten. Wie andere Helsinkier Jugendliche benutzt auch Oona die öffentlichen Verkehrsmittel für die Fahrt zu ihren Freizeitaktivitäten.

Am Abend sind Hausaufgaben und Klavierüben an der Reihe. Oona verbringt auch Zeit im Internet, chattet mit Freunden, telefoniert oder schaut Fernsehen. Die Wochenenden sind für ein so aktives Mädchen die beste Zeit, ihre Freunde zu treffen.

Bettzeit ist für Oona in der Regel gegen 22 Uhr.

Nach der Gemeinschaftsschule möchte Oona die Ausbildung an der gymnasialen Oberstufe fortsetzen. Ziel ist ein Platz in der musikorientierten Linie des Sibelius-Gymnasiums.

– Ich plane nicht direkt eine künstlerische Laufbahn. Es macht einfach Spaβ, sich ganz für sich selbst mit Musik und bildender Kunst vertiefend zu beschäftigen, begründet Oona.

Mehr information

Das finnische Bildungssystem

Ministerium für Bildung und Kultur

Landesweit gleiche Ausbildungsziele

Die Regierung entscheidet über die Fächergliederung zwischen Gemeinschaftsschule und gymnasialer Oberstufe und über die allgemeinen Ziele. Das dem Unterrichtsministerium unterstellte Zentralamt für Unterrichtswesen bestätigt die nationalen Rahmenlehrpläne und entscheidet damit über Ziele und zentrale Inhalte des Unterrichts. Darauf aufbauend entwickeln die Gemeinden und Schulen ihre eigenen Lehrpläne. Auf diese Weise wird ein landesweit gleichwertiger, qualitativ erstklassiger Unterricht für alle Schüler gesichert. Das System erlaubt auch örtliche Variierungen und Ergänzungen.

Die Lernergebnisse der Schüler in der Gemeinschaftsschule werden auf nationaler Ebene evaluiert. An den Evaluierungen nehmen rund 5 Prozent des jeweiligen Jahrgangs teil. Auch die Bildungsveranstalter sind gesetzlich verpflichtet, ihre Unterrichtstätigkeit regelmäβig zu evaluieren.

Die gymnasiale Ausbildung mündet in eine landesweite Abiturprüfung, deren Ergebnisse vom nationalen Reifeprüfungsausschuss bewertet werden.

Foto: Amanda Soila

Kostenfreies Schulessen ist Teil des Schulalltags

von Minna Kantén

Kinder und Jugendliche erhalten in Kindertagesstätten, Gemeinschaftsschule, gymnasialer Oberstufe und Berufsschule eine gesunde warme Mahlzeit, einschlieβlich Salatbeilage, Milch und Brot. Das kostenfreie Schulessen ist in den schulischen Ablauf integriert. In der Mittagspause sollen sich die Schüler regenerieren und für den übrigen Tag Energie auftanken. Zugleich wird die Mittagspause genutzt, um Kenntnisse in Gesundheit, Ernährung und Verhalten zu vermitteln.

Besonders progressive Schulen bieten ihren Schülern u.a. klimafreundliches Essen in Form von vegetarischen Speisen und Speisen aus Bio-Produkten.

Lieblingsspeisen finnischer Schüler aus dem Speiseplan der Schulen.

  • Lasagne
  • Hackfleisch-Nudelauflauf
  • Spinatpfannkuchen
  • Hackfleischbällchen
  • Hackfleischsoβe
  • Fischstäbchen
  • Hackfleisch-Kartoffelpüree-Auflauf
  • Gerstenbrei

Foto: A. Soila