Das Geheimnis finnischer Schulen

Laut dem Rektor der Deutschen Schule in Helsinki sind motivierte Lehrer, Wohlbefinden und Vertrauen die Hauptingredienzien für den Lernerfolg finnischer Schüler.

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Wie lernt man am besten? Wie bringt man leistungsschwache Kinder voran? Ist Wettbewerb und Disziplin wie in Großbritannien der beste Weg? Oder sorgt man lieber schon früh dafür, dass sich die Bildungswege trennen wie in Deutschland? Der Rektor der Deutschen Schule in Helsinki meint wie viele Bildungsexperten anderer Länder, von Finnland könne man sich einiges abschauen.

"Der wesentliche Unterschied liegt nicht im Unterricht selber, sondern in der Art und Weise, wie Lehrer und Schüler der Schule und den Lehrkräften begegnen, und da würde ich das Wort Vertrauen nennen. Zum anderen gibt es ein Wort, das in Finnland eine ganz andere Bedeutung hat, nämlich Wohlfühlen und Wohlbefinden in der Schule", sagt Wolfgang Weber, der seit drei Jahren Leiter der Deutschen Schule in Helsinki ist.

2011 feiert die Deutsche Schule in Helsinki ihr 130-jähriges Bestehen. Sie ist die älteste fremdsprachige Privatschule in Finnland, aber gleichzeitig auch eine in Finnland anerkannte und von Finnland mitfinanzierte Schule. Mehr als Zweidrittel ihrer Schüler sind finnisch.

Wolfgang Weber zufolge hat Finnland erkannt, dass Wohlbefinden die Voraussetzung für sinnvolles Lernen ist. Damit verbindet sich auch ein stärkeres Schwergewicht auf Prophylaxe. "In Deutschland ergeben sich im Vergleich dazu öfter mal Situationen, dass Schüler durch ein Netz hindurchfallen, und man erst anschließend schaut, wie man ihnen helfen kann", sagt der Schulleiter, der zehn Jahre lang Mathematiklehre an einer Gesamtschule in Nordrheinwestfalen war.

Im Gegensatz zu Deutschland oder den USA etwa gibt es in Finnland so gut wie keinen privaten Nachhilfemarkt, sondern die Schule sieht sich selbst in der Verantwortung für ihre Schüler und organisiert entsprechende Maßnahmen. "Damit wird Kindern zu einem Zeitpunkt geholfen, wo noch eine echte Chance besteht", meint Wolfgang Weber.

Weitere Pluspunkte sind für ihn die durchgängig hochqualitative Lehrerausbildung in Finnland sowie stark motivierte Lehrkräfte. Doch warum sind hier die Lehrer motivierter?

Von beiden Systemen das Beste

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Foto: Sari Gustafsson/Lehtikuva

"Die Wertschätzung, die Lehrkräfte hier erfahren, ist sehr hoch. Das stärkt auch das Selbstwertgefühl", glaubt der deutsche Schulleiter und schmunzelt. "Das ist manchmal gewöhnungsbedürftig für die Lehrkräfte, die aus Deutschland kommen. Sie müssen erst lernen, damit umzugehen, Lob für ihre Arbeit zu bekommen."

Die Deutsche Schule in Helsinki genießt einen ausgezeichneten Ruf, und eine ganze Reihe bildungsorientierter finnischer Eltern schickt ihre Sprösslinge dorthin, um die überall anerkannte deutsche Reifeprüfung abzulegen und mit einer Zweitsprache aufzuwachsen. Allerdings hat die Schule mittlerweile auch recht viel vom finnischen System übernommen.

"Wir suchen, von beiden Systemen die besten Dinge auszuwählen und zusammenzuführen. So verfügt unsere Schule auch über entsprechendes zusätzliches Personal, angefangen von der Gesundheitsfürsorgerin Hanna bis hin zu zwei Sonderpädagoginnen und einer Schulkuratorin. Und ich bin ganz stolz, dass wir seit 2009 auch eine Schulpsychologin in unseren Reihen haben."

In Deutschland wäre so etwas, das in Finnland durchaus normal ist, ein Luxus.

Ein weiteres Geheimnis

Auch wenn die Lesekompetenz laut der neuen Pisa-Studie in Finnland vor allem bei den Jungen leicht gesunken ist, ist sie immer noch weit stärker ausgeprägt als in vielen anderen Ländern. Der Leiter der Deutschen Schule führt das nicht nur auf die Lesefreudigkeit der Finnen und die vielen hervorragend ausgestatteten, Spaß machenden Leihbibliotheken zurück.

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Foto: Heikki Saukkomaa/Lehtikuva

"Viele Kinder begegnen dem Lesen und Vorlesen schon in der Krippe. Es gibt auch noch ein anderes Geheimnis, das Fernsehen, das anders als in vielen anderen Ländern nicht synchronisiert, sondern untertitelt ist. Also werden die Kinder forciert, schnell zu lesen, um den Inhalt zu erfassen."

Doch in einem Land, wo Kinder viel mehr betreut werden als sonstwo, wo praktisch keiner sitzenbleibt, wo niemand abgesondert, sondern integriert wird, wo Chancengleichheit im Vordergrund steht und keiner zurückbleiben darf, bleiben eventuell überdurchschnittlich begabte Kinder etwas auf der Strecke.

"Nein", sagt Rektor Weber. "Bei den Diskussionen mit meinen Kollegen aus anderen nordischen Ländern haben wir festgestellt, dass es in Skandinavien zwar so etwas wie eine Hemmung gibt, Kinder in besonderer Weise aus der Gruppe hervorzuheben, aber ich habe das in Finnland nicht so wahrgenommen, dass nur die eine und nicht auch die andere Seite berücksichtigt wird."

Für den Leiter der Deutschen Schule in Helsinki gibt es einiges, was man Finnland abschauen kann, aber auch anderes, was Finnland eventuell lernen könnte wie etwa im Umgang mit Schülern, die einen Migrationshintergrund haben.

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Von Rebecca Libermann, März 2011

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