Auf dem Stand des Künstlichen: Finnland erweitert freien KI-Online-Kurs auf alle EU-Sprachen

„Unser Ziel ist es, KI zu entmystifizieren“, heißt es auf der Website von „Elements of AI“, einem kostenlosen Online-Kurs der Universität Helsinki und des Technologieunternehmens Reaktor, das jetzt in immer mehr Sprachen zur Verfügung steht. Unser Reporter hat sich angemeldet, um mehr über künstliche Intelligenz und deren Einflüsse auf unser Leben zu erfahren.

Artikel lesen

Ich weiß genug über künstliche Intelligenz (KI), um zu realisieren, dass ich nicht viel darüber weiß. Ich verstehe, wie KI angewendet wird – genug, um gelegentlich darüber zu schreiben –, aber ich verstehe nicht, wie sie wirklich funktioniert oder was sie für unsere Gesellschaft bedeuten könnte.

Um mehr zu erfahren, habe ich mich für den kostenlosen Online-Kurs „Elements of AI“ angemeldet, der von der Universität Helsinki und dem Technologieunternehmen Reaktor geschaffen wurde.

„Die meisten Menschen wissen, dass alles, was sie online tun, aufgezeichnet wird, da Daten für die moderne Geschäftswelt von großem Wert sind“, sagt Ella Peltonen, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität von Oulu. „Die Daten müssen verfeinert und analysiert werden, damit wir darauf basierend agieren können. Dieser Prozess heißt KI oder AI.“

Surren unter der Oberfläche

Ein Auto mit der Aufschrift 6G Flaggschiff und Test Car auf der Seite steht vor einem Gebäude der Universität Oulu.

Dieses selbstfahrende Auto gehört zur Universität Oulu, wo Ella Peltonen arbeitet. Es dient dazu, die Mensch-Maschine-Interaktion und andere Themen im Rahmen des 6G-Flaggschiff-Forschungsprogramms zu untersuchen, dessen Ziel es ist, die Digitalisierung in der Gesellschaft zu beschleunigen.
Foto: 6G Flagship/Universität Oulu

Einer der Schwerpunktbereiche Peltonens ist die „alltägliche künstliche Intelligenz“. KI sei heute im Begriff, allgegenwärtig zu werden, von unseren Telefonen bis zu unseren Wohnungen, von unseren Autos bis zu unseren Fabriken, erläutert sie. KI wird auch unauffällig hinter den Kulissen eingesetzt, um mitzuentscheiden, ob wir ein Stellenangebot erhalten, einen Kredit bekommen oder von der Steuerbehörde geprüft werden.

Empfehlungsmaschinen sind ein gängiges KI-Tool, das man nicht unbedingt bemerkt, denn sie surren und summen unter der Oberfläche des Internets. Sie analysieren Daten, um etwas zu finden, an dem man interessiert sein könnte, z. B. einen anderen Artikel zu lesen, ein Buch zu kaufen oder einen Film anzuschauen.

Die Herausforderung bei diesen Maschinen besteht darin, dass sie dazu neigen, ähnliche Dinge zu empfehlen. Liest man beispielsweise einen Artikel über KI, führt einen die Empfehlungsmaschine wahrscheinlich zu weiteren Technologiestorys. Wenn man nur diese empfohlenen Artikel liest, denkt man in Bezug auf Finnland vielleicht nur an Hightech, ohne etwas über die finnische Küche, Literatur oder Natur zu entdecken. Man befindet sich also in einer „Filterblase“ oder „Echokammer“, abgesondert von andersartigen Informationen.

„Wir verwenden Dutzende Male am Tag KI, aber meiner Meinung nach haben Empfehlungsmaschinen den größten Einfluss“, sagt Teemu Roos von der Universität Helsinki. Er ist der Leiter des „Elements of AI“-Projekts. „Sie liefern die Social-Media-Beiträge und Nachrichten, die wir sehen. Sie können zur politischen Manipulation eingesetzt werden. Die Menschen müssen die Einflüsse der KI auf unsere politischen und demokratischen Systeme verstehen lernen.“

Lancierung von Sprachen

Bei gutem Wetter fährt ein Shuttlebus eine von Bäumen umsäumte Straße entlang.

Der autonome Gacha-Shuttlebus des japanischen Unternehmens Muji fuhr im Mai 2020 durch die Stadt Espoo bei Helsinki. Die Software des finnischen Unternehmens Sensible4 integriert KI- und Sensorfusion, damit das fahrerlose Fahrzeug zu allen Wetterbedingungen betrieben werden kann.
Foto: Antti Aimo-Koivisto/Lehtikuva

Damit verstanden wird, wie sich KI auf unsere Gesellschaft auswirken kann, wurde der Kurs „Elements of AI“ kostenlos der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Finnland ist ein gutes Gastgeberland für einen solchen Kurs, da es sich seit langem auf Technologie und Bildung konzentriert. Finnland und die EU haben Mittel bereitgestellt, um den Kurs in allen 24 EU-Sprachen verfügbar zu machen.

Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels konnte man den Kurs auf Englisch, Finnisch, Estnisch, Deutsch, Ungarisch, Lettisch und Schwedisch sowie auf Norwegisch (eine Nicht-EU-Sprache) belegen. Weitere Sprachen werden fortlaufend lanciert.

„Bisher haben sich mehr als 400.000 Menschen aus 170 Ländern für ihn angemeldet“, sagt Roos. „Wir hatten das Ziel, dass ein Prozent der Finnen den Kurs belegen; das haben wir erreicht. Unser jetziges Ziel ist es, ein Prozent der Europäer und dann ein Prozent der Weltbevölkerung zu erreichen.“

Freies Wissen für alle

In einer Comic-Illustration hält eine Hand ein Handy mit einer Karte auf seinem Bildschirm.

Bei KI geht es um alltägliche Anwendungen, die bereits benutzt werden, und nicht nur um die Technologie der Zukunft. Der eigene Instagram-Feed oder die eigene Google-Suche sind Beispiele für Empfehlungsmaschinen, die KI einsetzen.
Illustration: Elements of AI

Der Kurs „Elements of AI“ enthält Beispiele aus der Praxis, z. B. wie KI eine Schachpartie spielen kann, wie sie feststellen kann, welche E-Mail Spam ist, oder Objekte auf Fotos erkennen kann. Es werden dabei sowohl die guten als auch die schlechten Auswirkungen der KI erörtert. KI in einem selbstfahrenden Auto kann mich zum Beispiel sicher und schnell zur Arbeit bringen, aber sie kann auch die Arbeit meines Busfahrers übernehmen.

Einfache mathematische Übungen gehören ebenfalls dazu, aber keine Codierung. Dafür muss ich auf den zweiten Teil des Kurses warten, „ Building AI“, dessen Veröffentlichung zum Zeitpunkt des Schreibens noch aussteht. Er verspricht, den Teilnehmern „mehr über die eigentlichen Algorithmen beizubringen, die das Erstellen von KI-Methoden ermöglichen“.

Nachdem ich „Elements of AI“ absolviert habe, habe ich das Gefühl, besser zu verstehen, wie KI funktioniert und worum es dabei geht. Wie die Kursbibliografie am Ende erklärt, muss die KI demokratisch reguliert werden, und dies bedeutet, dass das Wissen über die Technologie für alle frei zugänglich sein muss.

Von David J. Cord, Juni 2020

Lesen Sie außerdem auf thisisFINLAND

Links