Finnischer Dokumentarfilm sucht Dialog, nicht Abgrenzung

Die anhaltende Flüchtlingsthematik polarisiert die Politik und öffentliche Debatte in Europa und anderswo. Dokumentarregisseurin Elina Hirvonens Film „Boiling Point“ versucht, den Graben durch die Förderung von Gesprächen zu überbrücken.

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2015 nahmen die europäischen Länder eine Rekordzahl von Asylbewerbern auf, die aus Syrien geflohen waren, ganz abgesehen von Afghanistan, Irak und anderen Ländern. Die Situation spitzte sich so zu, dass sie die Schlagzeilen dominierte, und Finnland war da keine Ausnahme.

In den ersten vier Monaten des Jahres 2015 erhielt die finnische Einwanderungsbehörde 1.354 Asylanträge. In den letzten acht Monaten des gleichen Jahres wurden 31.123 Anträge eingereicht. Obwohl die Gesamtzahl bei Weitem nicht an die in vielen anderen Ländern herankam, wurden die  Behörden von der Menge überrascht.

Diese Lage bildete den Hintergrund für Romanschriftstellerin, Journalistin und Dokumentarfilmerin Elina Hirvonens Entscheidung, ihre anderen Projekte vorübergehend fallen zu lassen und einen Film über die sich entfaltende Migrantensituation in Finnland in Angriff zu nehmen. Unparteiisch lässt „Boiling Point“ Menschen aller Blickrichtungen zu Worte kommen. Das Publikum erlebt Demonstrationen für und gegen Migration und hört die Meinungen von Finnen mit ganz unterschiedlichen Perspektiven. Es folgt überdies mehreren Asylbewerbern, die sich bemühen, das Leben in Finnland zu meistern.

Hirvonen kam der Gedankenblitz Anfang Februar 2016. „Ich wachte eine Nacht auf, nachdem ich Nachrichten über Benzinbomben gelesen und gedacht hatte, warum niemand einen Film darüber macht“, erläutert sie. „Und dann habe ich nur gedacht, okay, warum mach ich das nicht selbst?“

Das gesamte Spektrum des Geschehens

Auf einer Demonstration leiht ein Aktivist, der auch ein begeisterter Eishockeyfan ist, jemandem Kleingeld.Foto: Aus “Boiling Point”, produziert von Mouka Filmi

Bei dem Vorfall, auf den sie Bezug nimmt, warf ein Mitte 20-jähriger Mann fünf Flaschenbomben gegen ein Asylbewerber-Aufnahmezentrum in Petäjävesi, einer 4.000-köpfigen Gemeinde in Mittelfinnland. Niemand wurde verletzt.

Der Angriff passte zum öffentlichen Diskurs, der Hirvonen während des Jahres 2015 aufgefallen war: „Er hatte sich in raschem Tempo in eine zunehmend aggressivere Richtung gewandelt“, sagt sie. „Gleichzeitig empfand ich, … als ob die Menschen in ganz verschiedenen Welten lebten, wie sie die Geschehnisse betrachteten.“

Sie drehte „Boiling Point“ nicht deshalb, um ihre persönlichen Ansichten zum Ausdruck zu bringen, die sie bereits als Schriftstellerin geäußert hatte. Vielmehr war nach ihren Worten ihr Ziel „nicht zu interpretieren, sondern dem Publikum Raum zu lassen, eigenständig zu denken, und das gesamte Spektrum des Geschehens deutlich zu machen.“

Sie suchte Menschen aus allen Lebensbereichen auf, darunter Dorfbewohner in Petäjävesi, Aktivisten sowie viele andere. „Ich entschloss mich, eine offene Haltung einzunehmen, um mit allen und jedem sprechen zu können“, erzählt sie. „Egal was sie auf den Demonstrationen behaupteten, waren sie alle Menschen, die ihren Hintergrund, ihre eigene Lebensgeschichte und eigenen Erfahrungen hatten.“

Eine Person, die im Film vorkommt, ist Jarkko, ein Fotograf mit einer politischen Antihaltung gegenüber Immigration. „Obwohl ich mit ihm nicht einverstanden bin, war es für mich nachvollziehbar und ich respektiere ihn“, sagt Hirvonen. „Man muss die Menschen, die man filmt, respektieren.“

Gefühle und Fragen

Elina Hirvonen hat “Boiling Point” nicht deswegen gemacht, um ihre persönlichen Ansichten zum Ausdruck zu bringen, sondern, wie sie sagt, „ um den Zuschauern Raum zum eigenständigen Denken zu geben.“Foto: Carl Bergman

Von der Idee bis zur Premiere dauerte die Produktion knapp 12 Monate. Der Film ist von einer gewissen Allgemeingültigkeit geprägt. Ein ähnlicher Film hätte 2016 wohl in den meisten europäischen Ländern gedreht werden können.

„Boiling Point“ ruft starke Reaktionen hervor. Vor der Vorstellung auf dem Helsinkier DocPoint-Festival erzählte Hirvonen dem Publikum: „Ich habe bemerkt, dass der Film viele Gefühle und Fragen aufwirft, auch kritische. Ich will Sie nur darauf vorbereiten.“

Zur Förderung eines wirklichen Off-Screen-Dialogs wurde der Dokumentarfilm über einen Link allen, die ihn zwischen Februar und Mai 2017 aus privaten oder öffentlichen Anlass vorführen wollten, kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Boiling-Point-Webportal heißt es auf der Ratgeberseite für Diskussionen nach der Vorführung: „Das Ziel ist nicht, zu einer gemeinsamen Sichtweise zu gelangen, noch geht es darum, andere Menschen mundtot zu machen … Wenn jeder spricht und zuhört, vergrößert sich jedermanns Verständnis.“

In Gemeindezentren, Kirchen, Bibliotheken, Schulen, Universitäten, Cafés und Restaurants in ganz Finnland fanden mehr als 750 Vorführungen statt. Überall in Europa, ganz zu schweigen von den USA, Kanada, Peru, der Türkei, Afghanistan, Malaysia und Japan wurden Events veranstaltet. Der Film wurde im Kaamanen im Hohen Norden Finnlands und im an der Ostküste von Australien gelegenen Brisbane gezeigt.

Bis Mitte Mai 2017 hatten schätzungsweise 18.000 Menschen den kostenlosen Vorführungen beigewohnt und 252.000 hatten den Film im konventionellen oder im Netz gestreamtem Fernsehen angeschaut.

Filmvorführungstherapie

Viele verschiedene Gruppen verwenden die finnische Flagge als Symbol.Foto: Aus “Boiling Point”, produziert von Mouka Filmi

Wasfür ein Dialog hat sich entwickelt? Hirvonen hat verschiedene Filmvorführungen besucht, eine davon war in Petäjävesi, das Städtchen, das die Flaschenbomben erlebt hat. Etwa 60 Personen kamen, darunter eine Flüchtlingsfamilie, die im Dokumentarfilm vorkommt. Die Diskussion wurde vom Bürgermeister moderiert.

„Es fühlte sich so an, als ob es  … für einige von ihnen therapeutisch gewesen wäre, denn ihr (vorangegangenes) Jahr war so intensiv gewesen, wie in den meisten finnischen Kleinstädten, die Flüchtlinge aufgenommen haben“, sagt Hirvonen.

„Da gab es eine Frau, die sagte, sie habe keine wirklich feste Überzeugung, aber man müsse einen Weg finden, miteinander auszukommen.“ Sie meinte damit die Flüchtlinge und Finnen, aber auch die Finnen und Finnen, Petäjävesis Einheimische.

Eine ähnliche pragmatische Gesinnung kommt auch im Film zum Ausdruck. Zwei der Hauptfiguren sind ein sichtbarer Beweis dafür, dass es möglich ist, nicht einverstanden zu sein und dennoch Freunde zu bleiben. Oula ist Historiker, dessen Fachgebiet der Faschismus ist. Tapsa ist Geschäftsmann, der sich Sorgen darüber macht, wie Flüchtlinge sich auf Finnland auswirken könnten.

Eine gemeinsame Wellenlänge finden

Tapsa (links) und Oula, hier zu sehen in einem Gespräch bei einem Drink nach der Sauna, bleiben trotz unterschiedlicher politischer Ansichten Freunde.Foto: Aus “Boiling Point”, produziert von Mouka Filmi

Sie führen ihre Gespräche natürlich in der öffentlichen Sauna. Zwei Männer sitzen in einer Sauna und sprechen über Politik. Kann es irgendwas Finnischeres geben? Mit einem umgeschlungenen Handtuch und nacktem Oberkörper diskutieren sie bei einem Drink nach dem Saunieren über ihre Ansichten.

„Was wäre, wenn wir Finnen respektvoll miteinander reden würden?“, fragt Oula. „Das bedeutet nicht, dass wir über alles einer Meinung sein müssen.“

Hirvonen kehrt in „Boiling Point“ wiederholt zu diesen beiden zurück. „Ein Funken Hoffnung kommt bei dem Gedanken von Oula und Tapsa in der Sauna auf und der Eindruck, das Gespräch fortsetzen zu können, auch wenn sie sich nicht einig sind“, sagt sie.

Tapsa, Oula und andere, die im „Boiling Point“ interviewt wurden, besuchten vor der öffentlichen Erstvorführung des Films eine Vorpremiere. In einer Fragerunde nach einem DocPoint-Screening erzählte Hirvonen von ihrem Erlebnis.

„Ich hatte mehr Angst davor, als ich mich jemals vor irgendetwas gefürchtet habe“, so Hirvonen. „Aber letzten Endes ging alles gut, und irgendwie fingen die Leute an, miteinander zu reden und fanden sich zu irgendeiner gemeinsamen Wellenlänge zusammen. Das war also ermutigend, denn ich denke mir, dass alle anderen davor auch schrecklich beunruhigt waren, weil sie wussten, dass in der Gruppe Menschen mit sehr unterschiedlichen Positionen sein würden.“

(Zum Zeitpunkt des Schreibens soll „Boiling Point“ laut Plan in Rauma, Finnland; Kapstadt und Johannesburg, Südafrika; Perm, Russland; Bergen, Norwegen; Edinburgh, Schottland; der Slowakei und Südkorea – hauptsächlich auf Filmfestivals – vorgeführt werden.)

Von Peter Marten, Juli 2017

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