Weihnachten bei den Sibeliuses

Sibelius, dessen 150. Geburtstag 2015 gefeiert wurde, schuf Finnlands beliebteste Weihnachtslieder. Erfahren Sie, wie seine Familie die Festtage verbrachte (Der Artikel enthält einen Audio-Link).

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Auch wenn Jean Sibelius die dunkelste Zeit des Jahres ganz und gar nicht mochte, sind seine Weihnachtslieder in Finnland ungemein beliebt, und der Haushalt des großen Komponisten feierte stets ein fröhliches Weihnachtsfest mit viel Musik (Link zur Playliste weiter unten).

Ich weiß genau, wie sich eine Weihnachtsfeier anfühlt, wenn man einen Komponisten in der Familie hat. Der gesamte ausgelassene, große Haushalt versammelt sich nach einem üppigen Festessen mit all nur erdenklichen finnischen Speisen um den Flügel und um den Mann, der das ganze Haus dominiert. Unser dissonanter, aber inbrünstiger Chor singt traditionelle oder – noch besser – selbst komponierte Weihnachtslieder, die das Eis draußen zum Schmelzen bringen.

20 Jahre lang erlebte ich diese unvergesslichen, beschwingten Feiertage bei meinem Schwiegervater, dem finnischen Komponisten Tauno Marttinen und seiner Frau Ilmi in ihrem gemütlichen Holzhaus in Hämeenlinna. Die Stadt ist auch der Geburtsort des berühmtesten Komponisten Finnlands, Jean Sibelius, dessen Weihnachtslieder auch wir wie jeder Finne gerne am Heiligabend sangen.

Freude und Melancholie

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Blick vom Klavier: Aino und Jean spielten Klavier (im Vordergrund), während die Familie Weihnachtslieder sang. Foto: Pekka Sakki

Ich kann mir vorstellen, dass die Atmosphäre am idyllischen Tuusula-See, wo Sibelius die meiste Zeit seines Lebens mit seiner Frau Aino und seinen fünf Töchtern lebte, ein bisschen wie bei uns war, d.h. dass Musik, Komponist und Familie für einmal eins waren, und eitel Freude herrschte.

Sibelius war anscheinend nicht sehr religiös, denn er sprach über sein Christentum nur vom „Glauben meiner Vorfahren“. Doch es ist bekannt, dass er zumindest einmal am Weihnachtsmorgen die Kirche besucht hat. Auch mochte er die Weihnachtszeit an sich nicht.

„Die dunkelsten Wochen des Jahres von meinem Geburtstag (8. Dezember) an bis Weihnachten, wenn die Sonne am tiefsten steht, sind immer eine schwierige Zeit für mich. Sobald Weihnachten vorbei ist, sind die Dinge besser, und das Leben macht wieder Spaß“, vertraute er seinem Sekretär Santeri Levas an.

Sibelius’ musikalische Weihnachtsgeschenke

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Ainolas Blick auf den See Tuusula nahe bei Järvenpää, etwa 40 Kilometer nördlich von Helsinki. Foto: Pekka Sakki

Mal abgesehen von der Winterdepression hat der Komponist den Berichten nach die Zeit, die er mit seiner Familie verbrachte, wohl auch genossen und komponierte für sie und seine Freunde musikalische Weihnachtsgeschenke.

1915 fügte Sibelius von seinen 1897 bis 1913 komponierten Weihnachtsliedern fünf zum Opus 1 zusammen, von denen die Hymne „En etsi valtaa loistoa“ (Gib mir keinen Glanz, kein Gold, keine Pracht) sicher eines der beliebtesten Weihnachtslieder in Finnland ist ebenso wie „On hanget korkeat, nietokset“ (Hoch sind die Schneewehen).

Beide Lieder wurden Jahr für Jahr von den Sibelius-Kindern gesungen und spielten eine besondere Rolle beim Fest der Sibelius-Familie, denn wenn „En etsi valtaa loistoa“ gesungen wurde, saß in der Regel Mutter Aino am Flügel, und „On hanget korkeat, nietokset“, das Papa Jean begleitete, war stets das Startsignal für die Weihnachtsfeier im Ainola-Haus.

Welchen Stellenwert die Weihnachtslieder für Sibelius einnahmen, zeigt die Tatsache, dass der Komponist einen Teil von ihnen bis wenige Jahre vor seinem Tod 1957 immer wieder überarbeitete. Sibelius komponierte „En etsi valtaa loistoa“ kurz nachdem er aus Kerava, wo er noch „On hanget korkeat, nietokset“ geschrieben hatte, 1904 nach Ainola gezogen war. 1943 wurde das Lied nach einem Gedicht von Topelius zunächst auf Schwedisch, später auf Finnisch ins Gesangbuch der finnischen evangelisch-lutherischen Kirche aufgenommen.

Ainolas Stille von Weihnachtsgetöse unterbrochen

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Das imposante Sibelius-Monument, geschaffen von der Bildhauerin Eila Hiltunen, bildet eine der beliebtesten Touristenattraktionen Helsinkis. Foto: Ismo Pekkarinen

Ainola war zur Weihnachtszeit voller Gäste. Die Töchter waren mit ihren immer größer werdenden Familien und Schwiegereltern da, und Freunde schauten vorbei. Das normalerweise mucksmäuschenstille Haus war erfüllt von Musik sowie spielenden und rennenden Kindern. Und darüber schwebte – so stelle ich es mir vor – der Rauch von Sibeliuses geliebter Zigarre.

Das Haus hatte Strom, aber immer noch keine Wasserleitungen, da Sibelius keine haben wollte. Und so muss es für die Frauen nicht einfach gewesen sein, das kulinarische Fest für so viele Menschen vorzubereiten, bei dem auch eine Menge von Ainos Eingemachten und Eingelegten aufgetragen wurde.

Aber der Höhepunkt für die Kinder war der Beginn von Weihnachten in Ainola: „Die Kinder wurden in das dunkle Kinderzimmer geführt und später in den Salon gerufen, wo der Weihnachtsbaum mit all seinen Lichtern erstrahlte. Er sollte einen mit seinem Glanz so richtig blenden. Er spielte ‚On hanget korkeat, nietokset‘ und spielte es so laut, das Pedal durchgedrückt, als ob er Orgel spielen würde. Es war, als ob er gerne auch hier ein Orchester gehabt hätte. Wir sangen dieses Lied und dann sangen wir ,En etsi valtaa, loistoa‘. Das war alles sehr vergnüglich. Es war ganz und gar nicht andächtig oder düster“, schreibt Enkelin Laura Enckell in ihren Erinnerungen an ihre Kindheit über ihren Großvater.

Von Rebecca Libermann

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