Finnische Start-ups agieren jenseits von Buzzwords

Die finnische Startup-Szene wird von Zielstrebigkeit, Durchhaltevermögen und dem festen Glauben daran angetrieben, die Dinge anders zu machen. Und wenn Unternehmer*innen Unterstützung brauchen, können sie sich aufeinander verlassen.

Lift Off

Der finnische Unternehmer Jiri Jormakka lehnt an einem Betongeländer.

In einer finnischen Scheune gegründet, definiert Kelluu die Art und Weise neu, wie die Menschheit den Planeten observiert. Für Jiri Jormakka, Mitbegründer und Vertriebsleiter, bilden die nördlichen Wurzeln eine Stärke.

„Unsere Luftschiffe ergänzen vorhandene Methoden wie Drohnen, Hubschrauber und Satelliten, aber wir bieten 
etwas, was keines von ihnen kann: präzise, kontinuierliche und skalierbare Abdeckung großer Gebiete. Sie schweben nicht nur, sondern bewegen sich unermüdlich über den Himmel, bleiben lange in der Luft und sammeln die Art von hochauflösenden Daten, die die Welt braucht. Wenn wir unter arktischen Bedingungen fliegen können, dann können wir überall fliegen.

Zu unseren Kunden gehören Städte, öffentliche Einrichtungen, Bergbauunternehmen und Energieversorger – Organisationen, die präzise und kontinuierliche Einblicke in die Welt unter ihnen benötigen. Gleichzeitig gehören wir zu den wenigen Auserwählten im NATO DIANA Accelerator, die unsere Technologie im Bereich Verteidigung und Sicherheit einsetzen. Mit Blick auf die Zukunft arbeiten wir an der Fähigkeit, jedes Jahr ganze Nationen zu scannen und einen digitalen Zwilling der Erde zu erstellen. Diese Art von Daten wird die Art und Weise verändern, wie wir den Klimawandel bekämpfen, Ressourcen verwalten und unsere Gesellschaft schützen.

Ich konzentriere mich auf Vertrieb und Strategie, um die Vision voranzutreiben. Wir haben 2018 nur mit einer Idee in einer Scheune angefangen und haben jetzt 50 Mitarbeitende, entwickeln uns schnell und skalieren weltweit. So wie ich das sehe, ist das nicht nur ein Unternehmen, sondern eine Mission. Und ich mache mit, solange es halt dauert.“

Leitung mit Empathie

Die finnische Unternehmerin Fadumo Ali lehnt an einer weißen Fliesenwand.

Fadumo Ali, CEO von Hoiwa, nutzt die Automatisierung, um Ineffizienzen zu beseitigen, und baut gleichzeitig ein Vermächtnis auf, das auf Empathie beruht.

„Ich bin eine Problemlöserin, und wenn ich das Gefühl habe, dass es sich lohnt, den Sprung zu wagen, dann mache ich das auch. Man kann keine großen Dinge erreichen, ohne Risiken einzugehen.

Hoiwa begann als Personal­vermittlungsagentur, die den Mangel an Fachkräften im Gesundheitswesen beheben wollte. 2024 haben wir unseren Schwerpunkt verlagert. Jetzt bekämpfen wir Ineffizienz in Unternehmen, indem wir unsere KI-gestützte Software einsetzen, um alles zu automatisieren, was automatisiert werden kann.

Das Erreichen von Zielen fühlt sich gut an, aber die wirklichen Erkenntnisse stammen von dem Weg dorthin. Die Umstellung von der ursprünglichen Geschäftsidee auf Plan B war eine Heraus­forderung, aber meine Familie, insbesondere meine Brüder und meine engen Freunde, standen zu mir und dem Unter­nehmen, halfen uns beim Wachstum und trieben uns voran.

Mein Ziel ist es, mehrere Unternehmen aufzubauen
und ein Vermächtnis in der Geschäfts­welt zu hinterlassen. Ich möchte ein Vorbild für die näch­ste Generation sein und zeigen, dass man mit Empathie führen und die Dinge auf die eigene Art machen kann.“

Vertrauen als Strategie

Die finnische Unternehmerin Lalin Keyvan lehnt an einer Wand.

Als Mitbegründerin von SelfHack möchte Lalin Keyvan die Cybersicherheit von einer Belastung in einen strategischen Vorteil umwandeln.

„Ich habe Architektur studiert, aber ich habe mich schon immer zu unsichtbaren Strukturen hingezogen gefühlt. Heute heißt das digital. Im Mai 2024 haben wir SelfHack gegründet, um ein kostspieliges und immer wiederkehrendes Problem zu bekämpfen: Cyberangriffe.

Wir helfen Unternehmen, ihre Schwachstellen zu identifizieren, bevor Hacker es tun. Eine Grund­­verordnung wie die DSGVO erfordert regelmäßige Penetrationstests, die jedoch oft teuer und zeitaufwendig sind. Wir nutzen KI, um den Prozess zu automatisieren und ihn schneller, kosten­günstiger und effektiver zu machen. Ich übersetze komplexe Sicherheitstechnologie in ein klares, benutzerfreundliches Produkt.

Ursprünglich stamme ich aus der Türkei, aber ich bin aufgrund Finnlands Ruf in Sachen Glück und Gleichberechtigung nach Finnland gekommen.

Das Land zeichnet sich durch eine starke Gleistellung der Geschlechter und eine wachsende Startup-Community aus, die Menschen unterstützt, die eine sinnvolle Arbeit verrichten – ganz gleich, woher sie kommen.

Unser Ziel ist ein Bewusst­­­seins­wandel: Cyber­sicherheit sollte nicht nur eine rechtliche Belastung sein. Es sollte ein strategischer Vorteil sein, eine unsichtbare Ebene des Vertrauens.“

Die Anziehungskraft des Spiels

Die finnische Unternehmerin Ansu Lönnberg lehnt sich auf ein Betongeländer.

Ansu Lönnberg ist Mitbegründerin von Mainframe Industries. Die Gründung einer Spielefirma in Finnland verleiht dem Team Selbstvertrauen, 
sagt sie.

„Mainframe Industries wurde 2019 in Finnland ins Leben gerufen, als sich die isländischen Spieleveteranen Reynir Harðarson, Thor Gunnarsson und Kjartan Emilsson an ihr hiesiges Netzwerk wandten, um erfahrene Spieleentwickler*innen zu finden, die ihre Vision eines Social-Sandbox-MMO-Spiels in die Tat umsetzen konnten. Sie brauchten auch jemanden, der das Unternehmen gründet und leitet. Ich wurde für diese Rolle vorgeschlagen und bekam sie auch.

So funktioniert diese Branche: Die Menschen nutzen ihre internationalen Netzwerke, um neuen Teams den Start zu erleichtern. Dies ist mein viertes Startup, aber das erste, bei dem ich Mitgründerin bin.

Wir haben die Early-Access-Version von Pax Dei im Juni 2024 gestartet. Es ist eine wunderschöne Landschaft in einer mittelalterlichen Fantasiewelt, in der die Spieler*innen Ressourcen sammeln, bauen, erforschen, Feinde niederkämpfen und vor allem bedeutungsvolle Beziehungen aufbauen. Gemeinsam können die Spieler Feinde besiegen und Städte bauen. Der soziale Aspekt ist alles. Man kann ein Spiel aufgeben, aber man lässt seine Freunde nicht zurück.

Dass wir dies in Finnland tun, verleiht uns Zuversicht. Wir haben erfolgreiche Vorbilder, zu denen wir aufschauen können. In der Regel werden Spiele dieser Größenordnung von Hunderten von Menschen entwickelt. Wir sind gerade mal um die 50 Mitarbeitende, also arbeiten wir smart. Die Unterstützung der Branche ist unglaublich, ob man nun scheitert oder Erfolg hat. Wenn man scheitert, macht man eine Pause und baut dann etwas Neues auf. Hoffentlich werden wir eine der großen Erfolgsgeschichten sein, an denen sich andere orientieren.“

Text Laura Iisalo, ThisisFINLAND Magazine
Fotografie Outi Törmälä