Eine Gruppe angespannter Kinder klingelt an der Tür eines in der Nähe der finnischen Hauptstadt gelegenen Hauses. Ein lächelnder Nachbar öffnet die Tür.
Nachdem sie höflich um Erlaubnis gebeten haben, tragen die Kinder gemeinsam einen traditionellen Reim vor und wedeln dabei mit verzierten Weidenkätzchenzweigen. Das Gedicht wünscht Gesundheit und Wohlstand für das kommende Jahr und endet mit einem spielerischen Austausch:
„Virvon varvon, tuoreeks terveeks, tulevaks vuodeks, vitsa sulle, palkka mulle!“ (Übersetzt: Ich schwenke einen Zweig für ein frisches und gesundes folgendes Jahr; einen Zweig für dich, eine Belohnung für mich!)
Nacheinander überreichen die Kinder jeweils einen Zweig, und der Hausbesitzer legt Süßigkeiten in die Körbe, die sie tragen.

Ulrike Kivelä schminkt die kleine Felisa sorgsam als Osterhexe.

Die kleine Felisa trifft auf dem Weg zum Nachbarhaus auf einige Nachbarn.

Die Osterdekoration hängt bereits. Das Osterei, das Leben und Wiedergeburt symbolisiert, ist eines der beliebtesten Dekorationselemente.
Ostern ist ein christliches Fest, doch in Finnland bilden seine Traditionen eine ungewöhnliche Mischung aus uraltem Volksglauben und der Feier des Frühlingsbeginns nach dem Winter.
Die Häuser werden mit farbenfrohen Symbolen der Erneuerung geschmückt, Narzissen, frischem Ostergras und handbemalten Eiern. Doch für viele findet die am meisten erwartete Tradition am Palmsonntag oder Karsamstag statt, wenn sich Kinder in ganz Finnland als Hexen verkleiden und von Tür zu Tür ziehen, um Segen und geschmückte Weidenzweige im Tausch gegen Süßigkeiten anzubieten.
Wir haben Kinder in Lippajärvi, im westlich von Helsinki gelegenen Espoo, begleitet, um beobachten, wie diese Tradition bis heute weiterlebt.

Keine Spur von Schüchternheit, als die Kinder an der Tür klingeln.

Der Tag war ein voller Erfolg. Die Körbe mit Süßigkeiten füllen sich, und es sind noch eine Reihe von Häusern zu besuchen.

Passend zum Osterfest trägt auch der Familienhund Hasenohren, während die fünfjährige Emily als Hexe verkleidet ist.
Im Haus der deutsch-finnischen Familie Kivelä beginnt der Tag mit hektischen Vorbereitungen. Mutter Ulrike Kivelä hilft der dreijährigen Felisa und dem siebenjährigen Tapio beim Anziehen ihrer Kostüme. Sie malt Felisa rosige Wangen und Sommersprossen ins Gesicht, während Tapio einen kleinen Zaubererbart und -schnurbart bekommt.
Die Familie fliegt über Ostern nach Deutschland, doch ihre Mutter hat bewusst einen späteren Flug gebucht, damit die Kinder an der finnischen Tradition teilnehmen können. „Es ist wichtig, diese Erinnerungen für sie zu schaffen“, sagt sie.
Bevor es losgeht, treffen sich die Kinder mit Freunden der Familie aus derselben Nachbarschaft. Viljo (8) und Ivo (5) sind ebenfalls als Hexen verkleidet und bereit für das Abenteuer des Tages. Ihre Mutter, Daria Dunajewdka, trägt ein großes Bündel wunderschön geschmückter Weidenzweige, die die Kinder für das Ereignis vorbereitet haben.
Vor allem Viljo hat sich besonders darauf gefreut, sie zu schmücken; „für ihn ist das sogar wichtiger als die Belohnung mit Schokolade“, sagt Daria.

Ivo, Felisa und Viljo werden von den Anwohnern begrüßt. In dieser familienfreundlichen Nachbarschaft sind die meisten Menschen auf Osterbesucher vorbereitet.

Die Freundinnen Ella und Ida (beide neun) haben einen cleveren Trick, um schneller Süßigkeiten zu sammeln: Sie geben an jeder Tür jeweils zwei Zweige ab, um ihre Belohnung zu verdoppeln.

Kleine Hexen eilen zum nächsten Haus.
Der Brauch, zu Ostern von Tür zu Tür zu gehen, heißt „virpominen“ („jemandem mit einem Weidenzweig Glück wünschen“). Er ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich kulturelle Traditionen im Laufe der Zeit vermischen und weiterentwickeln. Der Brauch, Nachbarn und Verwandte mit Weidenzweigen zu segnen, stammt aus Ostfinnland.
Die Zweige symbolisieren die Palmblätter, die die Menschen laut den Evangelien am Palmsonntag auf den Boden legten, als Jesus in Jerusalem einzog.
Das Verkleiden als Hexe hingegen hat seinen Ursprung in der westfinnischen Folklore, wo man einst glaubte, dass Hexen und böse Geister um Ostern herum ihr Unwesen trieben. Um sie abzuwehren, wurden Zaubersprüche gesprochen und Freudenfeuer entzündet. Im Laufe der Zeit verschmolzen diese beiden Traditionen, und das Segnungsritual verband sich mit den verspielten Hexenkostümen.
Der nächste Halt ist die Tür der Kindergärtnerin. Die meisten anderen Besuche finden ebenfalls in vertrauten Häusern der familienfreundlichen Nachbarschaft statt. An den strahlenden Gesichtern, die sie empfangen, ist deutlich zu erkennen, dass die kleinen Hexen willkommene Besucher sind. Die stetig wachsenden Süßigkeitsberge in ihren Körbchen sind ein weiteres sicheres Zeichen dafür, dass ihr Besuch erwartet wurde.

Ein verzierter Weidenzweig wird gegen Süßigkeiten getauscht. Typischerweise sind das Schokoladeneier und andere Osterleckereien.

Die Brüder Samuel (3), Mikael (7) und Simeon (5) haben ihre Runden beendet. Sie müssen noch bis nach dem Mittagessen warten, bevor sie ihre süße Beute probieren dürfen.

Lilian (10) hastet zum nächsten Haus. Die meisten Jahre hat sie sich als Hexe verkleidet, aber dieses Jahr versucht sie etwas anderes.
Auf den sonnenbeschienenen Straßen tauchen unterwegs immer mehr Kinder auf. Die meisten sind als traditionelle Hexen verkleidet, aber unter ihnen sind auch Küken, Häschen, ein Dinosaurier und sogar die Mumin-Figur Klein-My (die weltberühmten Mumins sind eine Schöpfung der finnischen Autorin und Künstlerin Tove Jansson). Die Vielfalt der Kostüme zeigt, wie sich die Tradition weiterentwickelt und anpasst. Die Kinder halten inne, um ihre Beute zu vergleichen, bevor sie weiterziehen. Die Gruppe eilt so aufgeregt zum nächsten Haus, dass die Jüngste, Felisa, Mühe hat, mitzuhalten.
Als sich ihre Route dem Ende zuneigt und die Heimkehr zur Sprache kommt, protestieren die Kinder unisono: „Noch nicht, noch nicht!“ Erst wenn auch der letzte Zweig verteilt ist, sind sie endlich bereit, mit ihren prall gefüllten Körben voller Süßigkeiten nach Hause zu gehen.
Für diese kleinen Hexen war der Tag ein voller Erfolg.
Text: Ilona Koskela, Fotos: Mikko Suutarinen, April 2026