Tytti Metsä spielt ein uraltes finnisches Instrument mit einem zeitlosen Klang: die Streichleier

Nur wenige Finnen spielen die Streichleier, auf Finnisch jouhikko, deren Wurzeln Tausende von Jahren zurückreichen. Für Tytti Metsä ist sein atemähnlicher, singender Klang der Mittelpunkt ihres musikalischen Ausdrucks geworden.

Es begann in den 1990er Jahren. Auf ihrer Abiturfeier hielt die damals 19-jährige Tytti Metsä zum ersten Mal eine Streichleier, eine jouhikko, in den Händen. Der Großvater einer Freundin hatte das Instrument eigenhändig gefertigt und es war ebenso schön anzusehen wie anzuhören.

Sein Klang war sanft und doch erstaunlich menschlich, fast hypnotisch.

„Irgendetwas daran war unwiderstehlich“, sagt Metsä. Sie war sofort fasziniert.

Metsä sang bereits, spielte Klavier und Finnlands Nationalinstrument Kantele, eine Art Zither. Dennoch hatte sie das Gefühl, dass die Streichleier auf sie gewartet hatte.

Ein uraltes Instrument in modernen Händen

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Video: Nina Karlsson und Annukka Pakarinen

Die Streichleier ist ein Überbleibsel der frühen Leiertradition Europas. Es gibt Belege dafür, dass es bereits 800–500 v. Chr. in Ungarn Streichleiern gab.

Im Mittelalter wurden Leiern in einem riesigen Gebiet von Frankreich bis Karelien gespielt. Der Bogen wurde wahrscheinlich auf den Britischen Inseln eingeführt, von wo aus das Instrument nach Norden und Osten gelangte und schließlich Finnland erreichte.

Während sich viele andere Streichinstrumente langsam zur Familie der Violinen entwickelten, blieb die Streichleier in abgelegenen Dörfern, insbesondere in der Grenzregion Karelien im Osten Finnlands und in den Inselgemeinden Estlands, weitgehend unverändert.

Heute spielen nur noch wenige Finnen dieses Instrument.

Die seltsame Logik des Instruments erlernen

Eine hölzerne Streichleier mit mehreren Saiten und einem gebogenen Bogen liegt auf einer Holzfläche.

Die Streichleier ist ein Instrument mit einer jahrtausendealten Geschichte. In Finnland wurde sie sowohl für Tanzmusik als auch zur Gesangsbegleitung verwendet. Zu ihren nächsten Verwandten zählen die Hiiukannel oder Rootsikannel in Estland und die Talharpa oder Stråkharpa in Schweden.

Metsä ist Sängerin, Songwriterin und spielt die Streichleier sowie das Harmonium (Pumporgel). Sie hebt ihren handgefertigten Weidenbogen, dessen Rosshaar straff gespannt ist, senkt ihn auf die Saiten und beginnt zu spielen.

Unter Meistern wie Risto Hotakainen und Ritva Talvitie studierte sie das Instrument zunächst in Kaustinen. Die kleine Stadt in Westfinnland gilt als Zentrum der Volksmusik des Landes.

Dort baute Metsä auch ihre erste Streichleier. Der Klang sei zwar noch nicht ganz ausgereift gewesen, sagt sie, aber es war ein Anfang.

Von Anfang an komponierte sie innerhalb der Grenzen des Instruments: dem engen Tonumfang und den lebhaften Polyrhythmen des Bogens.

„An einem neuen Instrument fasziniert mich, wie es die Art und Weise verändert, wie man denkt“, sagt sie. „Es kann deine musikalische Logik auf eine gute Art und Weise aus dem Gleichgewicht bringen.“

Diese Einschränkungen führten sie zu dem, was sie als „meditativen Minimalismus“ bezeichnet: eine langsame, subtile Ästhetik, die auf winzigen Verschiebungen eines ansonsten gleichmäßigen Flusses basiert.

„Es war fast eine bewusstseinsverändernde Erfahrung“, sagt sie.

Später setzte sie ihr Studium an der renommierten Sibelius-Akademie im Fachbereich Volksmusik fort.

Der Sound bekommt eine Stimme: Tytti Metsä & Hyypiöt

Drei Musiker sind in einem großen Raum. Eine Musikerin sitzt und hält eine Streichleier in der Hand, einer sitzt vor Conga-Trommeln und ein weiterer steht neben einem Kontrabass.

Als Tytti Metsä begann, mit dem Schlagzeuger Janne Haavisto und dem Bassisten Miikka Paatelainen zu spielen, spürte sie, dass die Geschichten in ihren Liedern neue Bedeutungsebenen annahmen.

Heute tritt Metsä zusammen mit dem Schlagzeuger Janne Haavisto und dem Bassisten Miikka Paatelainen als Trio Tytti Metsä & Hyypiöt auf.

„Wir haben wunderschöne Volksgedichte, die vom Kalevala-Versmaß geprägt sind“, sagt sie und bezieht sich dabei auf die alte rhythmische Tradition, die noch vor Finnlands Nationalepos entstand.

Ihr eigenes Instrument ist aus Erlenholz geschnitzt; seine Saiten bestehen aus einer Mischung aus Pferdehaar und synthetischen Fasern, wobei die unteren Saiten aus Schafsdarm gefertigt sind. Sie müssen ständig gestimmt werden – das gehört zum Charakter der jouhikko, und Metsä erfüllt diese Aufgabe mit Präzision und Geduld.

„Wenn ich so spiele, hallt der Klang in mir wider“, sagt sie. „Er ist hauchig, und der Bogen erzeugt seinen eigenen Rhythmus. Es fühlt sich an, als würde jemand singen.“

Text von Emilia Kangasluoma, Fotos von Nina Karlsson, Januar 2026

Dieser Artikel basiert teilweise auf Informationen aus Rauno Nieminens Buch Jouhikko: The  Bowed Lyre (2017).